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Unterhaltung

Die Kunst des guten Lebens

„mein Buch-Tipp“ der Stadtbibliothek Bocholt

Freitag, 12. Januar 2018 - 10:15 Uhr

von Christian Vosgröne

Bibliothekar Bernhard Bier stellt einen Ratgeber vor, der 52 überraschende Wege zum Glück aufzeigen will.

Foto: Christian Vosgroene

Die Kunst des guten Lebens“ ist hervorgegangen aus vorab in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und im Handelsblatt veröffentlichten Kolumnen. Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, vermittelt in 52 jeweils circa fünfseitigen Kapiteln Einsichten, Hintergrundinformationen, Praktiken, Anregungen und Übungen für ein gutes Leben. Dabei schöpft er aus drei Quellen: die psychologische Forschung, die aus der Antike stammende Philosophie der Stoa sowie die Investment-Literatur. Daraus entwickelt er – wie er selbst es nennt – eine Art „Werkzeugkasten“ mentaler Denkmethoden und -haltungen, die helfen sollen, die Welt objektiver und gelassener zu betrachten und auf lange Sicht klug und sinnvoll zu agieren.

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Der Schweizer Autor befasst sich mit Themen wie „Warum Zeitsparer oft Zeiträuber sind“, „Warum Sie weniger kaufen und dafür mehr erleben sollten“ oder „Warum Sie Ihre Grenzen kennen müssen“. Er erklärt, was es mit Mental accounting, der Fokussierungsillusion, der Peak-End-Regel oder dem Black-Box-Denken sowie dem Kompetenzkreis auf sich hat und welchen Einfluss diese Faktoren auf unser Denken und Handeln und somit die Qualität unseres Lebens haben. Er macht sich Gedanken über die Funktion von genetischer und sozialer Herkunft, die Bedeutung von Zufall und Schicksal oder über die Rolle von Besitz und Geld für unser Glück. Und er legt dar, warum Tugenden wie Beständigkeit, Genügsamkeit oder Bescheidenheit wichtig, Neid und Missgunst, Selbstüberschätzung und Hochmut eher schädlich für ein glückliches Leben sind.

Als Belege für seine Ausführungen dienen dem Verfasser Erkenntnisse aus der mentalen Psychologie, der Sozialpsychologie, der Glücksforschung, der klinischen Psychologie und anderen Disziplinen der Psychologie. Gerne zitiert er die Vertreter des Stoizismus, eine praktische griechisch-römische Philosophie, die nach Gelassenheit und Seelenruhe strebt. Seneca, Epiktet und der römische Kaiser Marc Aurel gelten ihm mit ihren Gedanken und alltagsbezogenen Ratschlägen als Gewährsmänner zur Erlangung eines guten Lebens. Außerdem zeigt der Autor, wie viel Gewinn die Maximen und Denkstrategien von Value-Investoren wie Warren Buffett oder Charlie Munger, die weit über finanzielle und materielle Erwägungen hinausreichen, für ein gelingendes Leben bringen können.

Rolf Dobelli, der Philosophie und Betriebswirtschaft studiert hat, schreibt ausgesprochen anschaulich und unterhaltend. Seine Fallgeschichten und Beispiele sind plastisch und griffig, seine Fragestellungen, mit denen er den Leser in seine Überlegungen einbezieht, interessant und zuweilen herausfordernd. Er versteht es, schwierige und komplexe Sachverhalte verständlich zu übersetzen und seine gedanklichen Modelle, die dazu beitragen sollen, unsere komplizierte und instabile Welt und uns selbst besser zu verstehen, überzeugend zu vermitteln. Dabei widerlegt er auch schon einmal gängige Ansichten und verblüfft durch unkonventionelle Ideen und Vorschläge.

Der ursprünglichen Form der inhaltlich eigenständig publizierten Kolumne ist es geschuldet, dass die einzelnen Kapitel kurz gehalten sind und sich auf das Wesentliche beschränken; zudem kehren Begriffsdefinitionen oder bestimmte Sachverhalte in diversen Kapiteln wieder. Da sie in unterschiedlichem Kontext vorkommen, sind solche Wiederholungen, die in der Buchausgabe durch Querverweise kenntlich gemacht sind, zuweilen eher erhellend und vertiefend als störend. Auch wurde dem von El Bocho inspirierend illustrierten Buch ein umfangreicher Anhang beigefügt, der die Quellen – zum Beispiel wissenschaftliche Studien und Experimente, benutzte Literatur – offenlegt, ins Deutsche übertragene Zitate und verkürzt angeführte Aussagen in der Originalsprache wiedergibt beziehungsweise vervollständigt, Leseempfehlungen und weiterführende Anmerkungen ergänzt.

Auch wenn man nicht alle Wege zum Glück, die der Autor aufzeigt, beschreiten möchte, ihm nicht in jedem Fall zustimmt oder nicht jede Empfehlung für die eigene Person passend findet, bleiben genügend taugliche Denkwerkzeuge für ein gutes Leben übrig. In jedem Fall bietet das Buch, das auch zum Blättern und selektiven Lesen der in sich abgeschlossenen Kapitel geeignet ist, eine interessante, bereichernde Lektüre mit garantiert etlichen Aha-Erlebnissen.

Bernhard Bier, Bibliothekar der Stadtbibliothek, Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr sowie 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.

Foto: Christian Vosgroene