Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen. Verstanden
Unterhaltung

Faceless

„mein Buch-Tipp“ der Stadtbibliothek Bocholt

Freitag, 9. März 2018 - 09:40 Uhr

von Christian Vosgröne

Anja Frembgen ist das neue Gesicht im Buchtipp-Team. In ihrer ersten Folge widmet sich die Bibliothekarin einem bewegenden Jugendroman über Freundschaft, Familie und die Suche nach der eigenen Identität. Im Fokus steht die Frage: Wie wichtig ist das Aussehen?

Foto: Christiane Schulz

Maisie ist ein ganz normaler Teenager. Sie ist frisch verliebt und ihre größte Sorge besteht in der Auswahl ihres Kleides für den Abschlussball. Als sie eines Morgens joggen geht, bricht plötzlich ein Gewitter los. Auf dem Weg nach Hause schlägt ein Blitz in einen Baum ein. Dieser stürzt auf eine Stromleitung und reißt sie mit sich auf den nassen Boden. Das Letzte, an das Maisie sich erinnern kann, sind Funken und Feuer. Erst Wochen später kommt sie im Krankenhaus wieder zu sich. Aufgrund schwerster elektrischer Verbrennungen am ganzen Oberkörper und im Gesicht hat sie die letzten Wochen im künstlichen Koma verbracht.

Die Verletzungen in ihrem Gesicht reichen soweit, dass Maisie keine Wangen, keine Nase und kein Kinn mehr hat. Ihr halbes Gesicht ist durch den Brand zerstört worden. Maisie leidet unter qualvollen Schmerzen, aber weitaus schlimmer sind ihre Gedanken. Wie soll man ohne ein Gesicht leben? Ein junger Arzt schlägt eine riskante Operation vor, um Maisies Lebensqualität zu erhöhen. Er möchte Maisie anstelle von einzelnen Hautverpflanzungen einer Gesichtstransplantation unterziehen.

Das, was erst wie eine perfekte Lösung klingt, zeigt sich nach der Operation als große Belastung. Maisie hat mit Albträumen zu kämpfen, da sie erst jetzt richtig realisiert, dass sie nur deshalb ein neues Gesicht hat, weil ein anderer Mensch gestorben ist. Sie leidet stark unter den Medikamenten, die sie ihr Leben lang nehmen muss, und hat nicht das Gefühl, überhaupt noch sie selbst zu sein. Auch ihre Eltern, Freunde und Schulkameraden wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Plötzlich haben sie einen Menschen vor sich, den sie seit Jahren kennen, aber ganz anders aussieht. Alle sagen, sie hätte großes Glück gehabt. Aber kann man es wirklich Glück nennen, wenn sie sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennt, die Schulkameraden sie entsetzt anstarren, als wäre sie ein Bild von Picasso, und der Freund nur aus Mitleid bei ihr bleibt? Schritt für Schritt muss Maisie lernen, sich mit anderen Augen zu sehen und ihr neues Ich zu akzeptieren.

Das Buch ist sehr einfühlsam und fesselnd geschrieben. Es wird nicht nur Maisies Rolle als Opfer, sondern auch die Positionen der Eltern, der besten Freundin und des ersten Freundes genau beschrieben. Die kleinen Nebengeschichten über die Schulkameraden oder die Personen in der Selbsthilfegruppe machen die Geschichte abwechslungsreich und lebensnah. Es werden viele Fragen aufgeworfen, die heute aktueller denn je sind: Wer bin ich, wenn ich mich äußerlich verändere? Und inwieweit definiert unser Äußeres eigentlich wer wir wirklich sind? Lassen wir uns von Äußerlichkeiten nicht viel zu sehr beeinflussen?

Die Autorin Alyssa Sheinmel beschreibt eine packende und bewegende Suche nach der eigenen Identität. Ein wunderbares, anspruchsvolles Buch für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene mit einer wichtigen Botschaft: Es ist nicht unser Äußeres, das definiert, wer wir wirklich sind.

Anja Frembgen,

Bibliothekarin der Stadtbibliothek Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr sowie 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.

Foto: Christiane Schulz