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Unterhaltung

Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

„mein Buch-Tipp“ der Stadtbibliothek Bocholt

Freitag, 11. Mai 2018 - 15:27 Uhr

von Jan Rottmann

Der von Melanie Tenhumberg vorgestellte Roman erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Abenteuer und Schicksalsschlägen.

Foto: Insel-Verlag

Die 88-jährige Hedy von Pyritz ist eine Respekt einflößende alte Dame mit eiserner Disziplin und einem messerscharfen Verstand. Wie ein kleiner Despot herrscht sie über die Von-Pyritz-Stiftung, die sie einst zur Förderung von hochbegabten Kindern gründete. Dank ihres Vermögens und ihrer Position als Stiftungsvorsitzende hat Fräulein Hedy enormen Einfluss auf das kulturelle und politische Geschehen in ihrer Heimatstadt. Doch eines Tages hat Fräulein Hedy genug von ihrem einsamen Leben in der Villa auf dem Hügel und sie gibt eine Anzeige in der Tageszeitung auf: „Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.“ Hiermit provoziert sie einen kleinen Eklat im beschaulichen münsterländischen Städtchen Telgte und zu ihrem Leidwesen ist unter den Zusendungen kein einziger seriöser Kavalier dabei.

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Doch Fräulein Hedy lässt sich nicht beirren und engagiert kurzerhand ihren Physiotherapeuten Jan Kramer für diese Aufgabe. Dass der junge Mann wegen seiner handfesten Lese-Rechtschreib-Schwäche gar keinen Führerschein hat, lässt Fräulein Hedy nicht gelten. Kurzerhand übernimmt sie den Unterricht und meldet ihn auch direkt an einer Fahrschule an. Jan merkt schnell, dass es keinen Zweck hat, sich der resoluten alten Dame zu widersetzen und wird kurzerhand sogar Stipendiat der Von-Pyritz-Stiftung. Durch die intensive Zeit, die Fräulein Hedy und Jan nun im Rahmen des Unterrichts miteinander verbringen, entspinnt sich ganz allmählich eine Vertrautheit und Freundschaft zwischen den beiden. Fräulein Hedy beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen, von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, den Schicksalsschlägen und dem Abenteuer, wie sie die erste weibliche Pilotin einer Versorgungseinheit wurde. Auch Jan wird zunehmend offener, erzählt von seinen schwierigen Lebensbedingungen und seiner Prägung in der frühen Kindheit. Beide beginnen sich zu verändern und werden zukünftig nicht mehr die sein, die sie einmal waren.

Andreas Izquierdo ist ein sehr warmherziger Roman voller Gegensätze gelungen, der vor allem durch die Spannungen der beiden empathischen Hauptfiguren lebendig wird. Hier treffen Alt und Jung, Lebenserfahrung und Gehemmtheit, vermögend und hart arbeitend aufeinander. Durch die vielen witzigen Dialoge und skurrilen Situationen erobern Fräulein Hedy und Jan im Sturm die Herzen der Leser, nehmen sie mit in die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Ein Roman, der zugleich eine Abenteuerreise durch Jahrzehnte, aber auch Einblicke hinter die Kulissen der Klassengesellschaft bereithält und den Wunsch weckt, den Lebensweg der beiden Hauptfiguren weiter mitverfolgen zu können.

Andreas Izquierdo, geboren 1968, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte unter anderem den Roman König von Albanien (2007), der mit dem Sir-Walter-Scott-Preis für den besten historischen Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, sowie den Roman Apocalypsia (2010), der den Lovelybooks-Leserpreis in Silber für das beste Buch 2010 erhielt und zum Buch des Jahres bei „Vorab-lesen.de“ gewählt wurde.

Melanie Tenhumberg,

Bibliothekarin der

Stadtbibliothek

Bocholt

Andreas Izquierdo: Fräulein Hedy träumt vom Fliegen. – Berlin: Insel-Verlag, 2018, 524 S. ISBN 978-3-458-36309-5 14,95 Euro

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten ausgeliehen werden.