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Unterhaltung

Unoptimiert und glücklich

Bibliothekar Bernhard Bier rezensiert im aktuellen Buchtipp den Anti-Optimierungsratgeber „Pfeif drauf“ von Sven Brinkmann. Mit Witz und Verstand zeigt der dänische Professor für Psychologie, wie der Mensch auch ohne Selbstoptimierungsmanie zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben finden kann.

Freitag, 5. Oktober 2018 - 13:10 Uhr

von Anja Frembgen

Bibliothekar Bernhard Bier rezensiert im aktuellen Buchtipp den Anti-Optimierungsratgeber „Pfeif drauf“ von Sven Brinkmann. Mit Witz und Verstand zeigt der dänische Professor für Psychologie, wie der Mensch auch ohne Selbstoptimierungsmanie zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben finden kann.

Foto: Christiane Schulz

Bibliothekar Bernhard Bier.

Der dänische Psychologe Svend Brinkmann, Jahrgang 1975, beschäftigt sich als Professor an der Aalborg University mit philosophischen und moralischen Fragestellungen in der Psychologie. Mit seinem Buch „Pfeif drauf! – Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn“ will er ein Gegengewicht setzen zur Flut der Lebensratgeber und Selbsthilfebücher. Neben der Zunahme von Stress, Depressionen oder Burn-out leiden auch soziale Beziehungen unter rücksichtsloser und ichbezogener Selbstverwirklichung, indem Menschen zu Instrumenten der persönlichen Entwicklung degradiert werden.

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In sieben Schritten entwirft Svend Brinkmann ein Gegenmodell zur Optimierungsmanie und rät zu mehr Gelassenheit, zum Maßhalten und zur Standhaftigkeit. Dabei stützt er seine Thesen auf den römischen Stoizismus, dessen Hauptvertreter Seneca, Epiktet sowie Marc Aurel er immer wieder zitiert. Zunächst rät der Autor davon ab, sich ständig selbst zu beobachten und zu analysieren. Statt sich selbst finden zu wollen, legt er nahe, sich mit sich selbst abzufinden und seine Grenzen anzuerkennen. Dem Drang und Zwang nach ungebremster Flexibilität und permanenter Veränderung, dem Bedürfnis, ständig up to date zu sein und sich weiter zu entwickeln, setzt der Autor Standhaftigkeit und Mäßigung entgegen. Halt zu finden und eine klare Position einzunehmen, ist oft wichtiger als permanentes Fortschreiten, hemmungsloses Wachstum und fortwährende Erneuerung.


Positives Denken gefährlich?

Den Hype um „Positives Denken“ – sogar bei Krankheit und in Krisen – hält der Psychologe für gefährlich, da uns eine Welt suggeriert wird, die unangenehme und schwierige Realitäten nicht kennt. Stattdessen empfiehlt er die „negative Visualisierung“. Indem wir die negativen Aspekte und Schwierigkeiten des Lebens in den Blick nehmen, wertschätzen wir das Gute unserer Existenz um so mehr. Das macht uns genügsam und dankbar. Außerdem hilft es bei der Bewältigung von Problemen und Schicksalsschlägen, die nun einmal Teil des Lebens sind, und lehrt uns, Widrigkeiten auszuhalten und Begrenzungen zu akzeptieren. „Setzen Sie den Nein-Hut auf“ ist eine weitere Forderung des Autors. Er findet, dass wir viel zu häufig „Ja“ sagen, um nicht anzuecken oder, um uns sympathisch zu machen. Brinkmann plädiert dafür, öfter „Nein“ zu sagen – im privaten wie beruflichen Bereich; darin zeigt sich Charakterstärke und Integrität. Dass das spontane Ausleben von Gefühlen ein Zeichen von Authentizität ist, hält der dänische Psychologe für kindisch. Als Erwachsener sollte man seine Emotionen – besonders die negativen – unter Kontrolle haben und, wenn es die Situation erfordert, unterdrücken; Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung sind Zeichen menschlicher Reife und Würde. Auch den in Misskredit geratenen Begriff Pflicht bringt der Autor in seine Überlegungen ein und führt aus, dass der Mensch moralische Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen und der Gesellschaft hat, die es zu erfüllen gilt und die Vorrang vor der individuellen Selbstentfaltung haben. „Lesen Sie einen Roman – kein Sachbuch und auch keine Biographie“ schlägt er des Weiteren vor. Belletristische Literatur spiegelt – im Gegensatz zu ichbezogenen Autobiografien oder individualistischen Selbsthilfebüchern – die Komplexität des Lebens wider, fördert die Empathie und schult die Fähigkeit, verschiedene Standpunkte und Perspektiven einzunehmen. Man muss nicht mit jeder These des Autors übereinstimmen, trotzdem dürften genügend Gedanken übrigbleiben, die zum Bedenken und Reflektieren Anstoß geben. Svend Brinkmann vermittelt seine vielschichtigen Überlegungen, die hier nur auszugsweise und verkürzt widergegeben werden können, mit Humor und mit vielen anschaulichen Beispielen und regt uns dazu an, häufiger den Sinn und Inhalt unseres Tuns und Strebens zu hinterfragen.

Viel Spaß beim Lesen

wünscht Ihnen

Bernhard Bier

Bibliothekar der

Stadtbibliothek

Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr sowie samstags, 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.