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„Die kleine Löwin“

Tagebuch einer Frühchen-Mutter

Freitag, 16. März 2018 - 15:37 Uhr

von Christian Vosgröne

„Und was blieb mir als Mutter anderes übrig, als mit kleinsten Liebkosungen um meine Tochter zu kämpfen und sie zum Bleiben zu motivieren …?!“ Malena ist viel zu früh auf die Welt gekommen und musste sich als tapfere Kämpferin beweisen. Susanne Schmeing aus Bocholt hat die bewegende Geschichte ihrer „kleinen Löwin“ festgehalten und zusammen mit Tipps für Betroffene in einem Buch mit dem Titel „810 g Leben“ veröffentlicht.

Foto: Christian Vosgröne

(von links) Mutter Susanne Schmeing mit Malena auf dem Arm, Tochter Teresa (10), Sohn Luca (6) und Vater Norbert Schmeing.

Unbeschwert tollt Malena mit ihren Geschwistern Teresa (10) und Luca (6) im Garten herum. Die Dreijährige steckt voller Tatendrang, streckt beim Rutschen ihre Zunge heraus und lacht. Familienidylle. Dabei begann das Leben des kleinen Mädchens alles andere als unbeschwert – im Inkubator, angeschlossen an Schläuche, ernährt durch eine Sonde. Ein täglicher Kampf ums Überleben, den Mutter Susanne Schmeing in Form eines Tagebuchbriefes dokumentierte und zusammen mit Pflegetipps jetzt in ihrem Buch „810 g Leben“ veröffentlicht hat.

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Es war der 10. Oktober 2014. Malena erblickte nach nur 25 Wochen und drei Tagen im Mutterleib viel zu früh das Licht der Welt. „Ich meinte selbst, einen Infekt zu haben und bin zum Arzt gegangen, der aber nichts feststellen konnte. Am selben Tag bin ich mit vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus gekommen und nachts ist sie auf natürlichem Wege geboren worden“, erinnert sich die heute 42-Jährige zurück.

Für sie und ihren Mann Norbert Schmeing begann eine herzzerreißende Tortur, eine Zeit des Hoffens und des Bangens. „Der erste Tag war ganz grausam. Wir hatten Panik und Angst, dass sie sterben wird. Das Gefühl ist in den folgenden Wochen so geblieben. Es hat immer geheißen: Freuen Sie sich darüber, dass es ihr jetzt gut geht, wir wissen nicht, was in ein paar Stunden ist. Aber es hat sich gezeigt, dass Malena ein starkes Kind ist – eine kleine Löwin.“

Die ersten drei Monate waren für die Familie eine Belastungsprobe. Susanne Schmeing begann zu schreiben: eben jenen Tagebuchbrief an ihre „kleine Löwin“, die sich im Coesfelder Krankenhaus auf der sogenannten Level 1-Station für extreme Frühchen über Wochen tapfer ins Leben kämpfte. Ein Auf und Ab der Gefühle; mal ging es Malena gut, mal wieder schlechter, sodass sie intubiert werden musste. In Coesfeld fühlten sich die Schmeings dabei gut aufgehoben. Zwar hätten die Ärzte „Tacheles“ geredet, ihnen aber trotzdem alles auf eine sehr schonende Art und Weise beigebracht, sagt die dreifache Mutter.

„Wir haben es tatsächlich geschafft, jeden Tag dorthin zu fahren. Durch unser gutes soziales Netz mit Nachbarn, Freunden und Familie sind Teresa und Luca nachmittags immer irgendwo untergekommen. Manchmal durften sie aber auch mitkommen. Das war eine sehr stressige Zeit. Oft haben wir um halb zehn zu Abend gegessen, lagen meist erst gegen Mitternacht im Bett. Ich musste nachts dann auch noch aufstehen, um abzupumpen. Man muss das täglich sechs Mal machen, damit das Kind die Muttermilch im Fläschchen oder über die Magensonde bekommen kann. Malena ist später aber glücklicherweise ein Stillkind geworden, was bei Frühchen eigentlich nicht üblich ist“, erzählt die 42-Jährige.

Trotz Inkubator sei ihr der enge Kontakt zum Frühchen besonders wichtig gewesen, sagt Schmeing. Durch das sogenannte „Känguruhen“ lasse sich eine Bindung aufbauen. „Es wird heute sehr viel Wert auf den Hautkontakt gelegt und dass die Eltern viel mit dem Kind schmusen können. Es wird dabei auf die Brust gelegt und von einer Wärmelampe angeleuchtet, damit die Temperatur gehalten werden kann. Die Säuglinge haben so den Herzschlag der Mutter oder des Vaters im Ohr und fühlen sich geborgen. Man weiß heute, dass dieses Känguruhen sowohl die Überlebenschancen als auch die Entwicklung des Frühchens sehr viel verbessert.“

Susanne Schmeing rät Betroffenen, sich an den Verein „Bunter Kreis“ zu wenden, der Frühchen-Familien betreut. „Man muss eine Frühgeburt psychisch erst einmal verarbeiten. Ein Jahr lang hat uns eine Psychologin besucht, die mir auch die wohl zwangsläufig entwickelten Schuldgefühle nahm. Sie war es auch, die mir abschließend nahelegte, mein Pflegekonzept, welches ich als ausgebildete Anästhesie- und Intensivfachkrankenschwester im Laufe des ersten Jahres erstellt habe, anderen Frühchen-Eltern zur Verfügung zu stellen. So entstand schließlich das Buch“, erklärt Schmeing, die in früheren Zeiten auf einer Schädel-Hirn-Trauma-Station gearbeitet hat. „Für Malena habe ich natürlich ein Riesenprogramm abgespult, um ihr einfach das Beste mitgeben zu können.“

Das Wissen – gepaart mit den Tagebuchauszügen – gibt Susanne Schmeing nun durch ihr Buch weiter. Neben dem Pflegeprogramm für das Kind, das als Ideengeber und Inspiration für die individuelle Förderung dienen soll, finden sich auf den 98 Seiten auch Tipps, was die Eltern für sich und ihren Körper nach solch einer turbulenten Zeit tun können.

Malena beweist heute jeden Tag aufs Neue, dass es sich zu kämpfen gelohnt hat. Ihr schwerer Start ins Leben ist der Dreijährigen nicht mehr anzumerken. „Da war wohl noch eine Öffnung am Ductus, das ist ein Kurzschluss am Herzen. Der war bis vor Kurzem noch offen, was zum Glück aber inzwischen behoben ist. Eigentlich ist Malena nur noch ein bisschen leicht und klein, aber sonst ist alles bestens“, freut sich Schmeing.

„810 g Leben“

Das Buch „810 g Leben“ ist im „Manuela Kinzel Verlag“ erschienen und wird an diesem Wochenende auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. ISBN: 978-3-95544-095-4 / Preis: 10 Euro

Foto: Susanne Schmeing

Tapfer kämpfte sich die „kleine Löwin“ ins Leben.

Foto: Christian Vosgröne

Malena ist ihr schwerer Start ins Leben nicht mehr anzumerken.