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Unterhaltung

Der Papst und der Holocaust

„mein Buchtipp“ im StadtKurier

Freitag, 25. Januar 2019 - 15:58 Uhr

von Alexandra Knop

Passend zum morgigen Holocaust-Gedenktag befasst sich der Bocholter Bibliothekar Bernhard Bier diesmal mit dem Werk vom Historiker Michael Hesemann, der Papst Pius XII. in einem positiven Licht in Bezug auf den Holocaust dastehen lässt.

Seit Rolf Hochhuth in seinem Schauspiel „Der Stellvertreter“ (1963) den Vorwurf gegen Papst Pius XII. (1939-1958) erhoben hat, dass dieser zum Terror des Nationalsozialismus‘ und zum Holocaust geschwiegen habe, wird das Thema kontrovers diskutiert. So bekräftigen zum Beispiel John Cornwell in seinem Buch „Pius XII. – der Papst, der geschwiegen hat“ (1999) oder Daniel Jonah Goldhagen in „Die katholische Kirche und der Holocaust“ (2002) diese These.


Stille Diplomatie mit diskreter Hilfe

Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt Michael Hesemann in seiner im Oktober 2018 zum 60. Todestag von Eugenio Pacelli (1876-1958), wie der Papst mit bürgerlichem Namen hieß, erschienenen Schrift „Der Papst und der Holocaust – Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan“. Anhand zahlreicher und zum Teil bisher unveröffentlichter Dokumente aus den Vatikanischen Archiven will er den Papst entlasten und weist nach, dass Pius XII. im Verborgenen Tausende von Juden gerettet hat.

Der in schwerer Zeit amtierende Papst habe sich dafür entschieden, den Juden durch stille Diplomatie und diskret zu helfen, da er befürchtet habe, dass öffentlicher Protest eine Gegenreaktion des Hitler-Regimes in Form von Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen gegen die katholische Kirche in Deutschland und in den von den Nazis besetzten Gebieten provozieren würde, folglich eher geschadet und schlimmstenfalls Menschenleben gefährdet hätte.

In beeindruckender Fleißarbeit führt der Historiker eine Fülle von Quellen, amtliche Verlautbarungen, Berichte und Protokolle, Briefe sowie Aussagen von Zeitzeugen an, um das negative Bild des Papstes und der katholischen Kirche während des Nationalsozialismus‘ zu widerlegen oder zumindest zu korrigieren und das „kluge Schweigen“ des Papstes zu rechtfertigen.

Dabei stützt er sich auch auf Archivalien, die der Vatikan 2003 zu Forschungszwecken freigegeben hat und die Einsicht in Akten bis 1939, also vor der Wahl von Eugenio Pacelli zum Papst, gewähren und seine Aktivitäten und seine Haltung während seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in München (1917-1925) und Berlin (1925-1929) sowie als Kardinalstaatssekretär (1930-1939) unter Pius XI. beleuchten.

In seinem Bestreben, Pius XII. von aller Schuld reinzuwaschen, liest sich das Buch von Michael Hesemann – obwohl er seine Aussagen pro Pius XII. akribisch belegt – zuweilen wie eine Heiligenbiografie, nicht wie eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Papst.


Lesenswertes Buch

Leider lässt sich der Autor auch zu Verbalattacken gegen seine Kontrahenten hinreißen. So nennt er John Cornwell und Daniel Jonah Goldhagen „unseriöse Skandalschreiber“ (Seite 191), Cornwells Buch bezeichnet er als „tendenziöses Machwerk“ (Seite 343). Auch Rolf Hochhuth wird zum „schillernden Skandaldramatiker […], der mehr durch seinen stets ostentativ erhobenen Zeigefinger bekannt wurde als durch künstlerisches Können“ (Seite 202) degradiert, dessen Stück „Der Stellvertreter“ tituliert Michael Hesemann als „ahistorisches Skandaldrama […] ein Werk aus der Propagandaküche des KGB“ (Seite 18).

Selbst wenn diese Anschuldigungen möglicherweise inhaltlich zutreffen, dürfte die polemische Wortwahl für ein Sachbuch mit wissenschaftlichem Anspruch unangemessen sein. Dessen ungeachtet legt der Bestsellerautor ein lesenswertes und wichtiges Buch vor, indem er die zuweilen einseitige Literatur kontra Pius XII. revidiert und durch seine umfangreiche Recherchearbeit so manche Behauptung oder Fehleinschätzung zurechtzurücken vermag.

Es dürfte jedoch nicht das ultimative Buch zum Thema sein, das die Diskussion um diesen Papst beendet, zumal die bisher nicht allgemein zugänglichen Geheimakten für die Zeit des Zweiten Weltkrieges bis zum Ende des Pontifikats von Pius XII. noch nicht ausgewertet sind.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Bernhard Bier.

Infos zum Buch:

Autor: Michael Hesemann

Titel: Der Papst und der Holocaust – Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan

Verlag: Stuttgart: LangenMüller, 2018

Seiten: 448 Seiten, Illustrationen

ISBN: 9783784434490

Preis: 28 Euro

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.

Foto: SYSTEM