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Unterhaltung

Ein Leben – zwei Geschichten

„mein Buchtipp“ im StadtKurier

Freitag, 8. Mai 2020 - 15:24 Uhr

von Anja Frembgen

Bibliothekarin Melanie Tenhumberg von der Stadtbibliothek Bocholt rezensiert in ihrem aktuellen Buchtipp die emotionale Geschichte von Sofia Lundenberg „Ein halbes Herz“.

Die erfolgreiche schwedische Fotografin Elin Boals lebt mit ihrem Mann und ihrer 16-jährigen Tochter in New York und führt von außen betrachtet ein perfektes Leben. Die Arbeit, das Verschanzen hinter der Kamera und damit zur Außenwelt, geben ihr den nötigen Halt um sich ganz in ihren eigenen Kosmos zurückziehen zu können.

Sie entfremdet sich immer mehr von ihrer Familie und wird immer unnahbarer – es stellt sich jedoch heraus, dass sich hinter ihrer Fassade viel Leid und ein tiefer Schmerz im Hinblick auf ihre Kindheit verbergen. Als sie eine Nachricht, eine Art Sternenkarte, von ihrer Heimatinsel Gotland erhält, brechen lange verborgene Erinnerungen hervor und Elin wird klar, dass sie sich ihrer Vergangenheit stellen muss.

Elins Leben in zwei Zeitebenen

Und so lernt der Leser nach und nach Elins Leben in zwei Zeitebenen kennen. Die erste Ebene spielt in den Jahren 1972 bis 1982 auf Gotland und erzählt ein von Armut und Verwahrlosung geprägtes Leben einer zerbrochenen Familie. Elin lebt mit ihrer manisch-depressiven und überforderten Mutter und ihren zwei jüngeren Brüdern, der Vater sitzt im Gefängnis. Um das Leben zu meistern, hat sich die 10-Jährige ein emotionales Netzwerk aufgebaut, das für sie zu einem rettenden Anker wird. Ihrem besten Freund Frederick kann sie sich anvertrauen, die fürsorgliche Ladenbesitzerin Gerd und die Nachbarin Aina versorgen sie mit Lebensmitteln und Büchern.

In der Gegenwart erlebt man die erwachsene Elin als unglückliche und gefühlskalte Star-Fotografin, die ihre Allüren und ihren Hang zu Luxusartikeln auslebt. Durch die versetzten zeitlichen Sprünge versteht es die Autorin Sofia Lundberg sehr gekonnt, die zwei Seiten der Hauptperson zu verdeutlichen.

Schatten der Vergangenheit

So stiehlt sich die tapfere kleine Elin sofort in die Herzen der Leser, dieser wird mitgerissen von den bewegenden Schilderungen und Elins enormen Kampfgeist. Der kalte, abweisende Charakter der erwachsenen Elin hält den Leser dagegen auf Distanz. Man spürt ihre Selbstvorwürfe und Zerrissenheit und tut sich schwer, diese beiden Wesenszüge einer Person zuzuordnen. Über der ganzen Geschichte lastet ein schreckliches Geheimnis, das Elin ganz in sich verschlossen und auch ihrem Mann und ihrer Tochter nie erzählt hat.

Stück für Stück werden immer mehr Bruchstücke und Erlebnisse enthüllt: beim Schmökern begleitet der Leser die jugendliche Elin nach Paris, wo sie eine glanzvolle Modellkarriere beginnt und diese dann gegen die Kunst des eigenen Fotografierens eintauscht. Emotionalen Beistand erfährt sie hier durch die Buchhändlerin Anne, die ihr in ihrer Buchhandlung ein zweites Zuhause bietet. Hier weist ihr ein Schild hinter der Kasse den weiteren Weg: „Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele“.

Detaillierter und packender Schreibstil

Der Leser wird hineingezogen in die sehr spannende, mitunter etwas melancholische Grundstimmung. Und gemeinsam mit Elin wird dem Leser zum Ende der Geschichte immer klarer, dass Elins Schuld nur durch eine Reise in die Heimat aufgearbeitet werden kann.

Die Autorin beschreibt die besonderen Figuren und Landschaften in einem sehr detaillierten und packendem Schreibstil. Die emotionale Geschichte zieht den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann und verdeutlicht, dass es schier unmöglich ist, den Schatten der eigenen Vergangenheit zu entkommen.

Sofia Lundberg wurde 1974 geboren und arbeitete als Journalistin in Stockholm, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Mit ihrem Debütroman “Das rote Adressbuch„ eroberte sie die schwedische Literatur- und Bloggerszene im Sturm, woraufhin die Rechte in über 30 Länder verkauft wurden.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Melanie Tenhumberg, Bibliothekarin der Stadtbibliothek Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten ausgeliehen. Diese haben sich aufgrund der aktuellen Situation geändert. Die Bibliothek hat derzeit nur von Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr geöffnet.