Unterhaltung

Mehr als singen, sabbeln, saufen

Jörg Honsels aktueller CD-Tipp hat Ina Müllers neues Album zum Thema. Auf „55“ zeigt die Wahlhamburgerin, dass sie auch tiefsinnig sein kann.

Freitag, 15. Januar 2021 - 12:16 Uhr

von Jörg Honsel

Jörg Honsels aktueller CD-Tipp hat Ina Müllers neues Album zum Thema. Auf „55“ zeigt die Wahlhamburgerin, dass sie auch tiefsinnig sein kann.

© Jörg Backhaus

Liebe Musikfreunde,

Ina Müller ist vielen als Talkmasterin ihrer eigenen Sendung „Inas Nacht“ bekannt. Dass sie seit 2004 bereits sechs Studioalben als Sängerin veröffentlicht hat, habe ich ehrlich gesagt, nie wahrgenommen. „55“, der Titel des von Müller im vergangenen Jahr veröffentlichten Albums, bezieht sich auf ihr Alter. Während die Hamburgerin in ihrer Sendung oft laut und direkt ist, sind die Songs auf dem Silberling ganz anders. Sie sind eine Hommage an ihr Leben und ihr Alter und jeder, der ungefähr 55 (plus/minus zehn Jahre) ist, wird sich oft in den Texten wiederfinden.

Die Zeilen wurden meist von ihr selbst verfasst. Klare Worte, wenig Schnörkel. Dafür mit Hintersinn und Witz. An der Musik hat aber immer Johannes Oerding mitgewirkt. Seit Jahren sind die zwei ein Paar. Der erste Titel „Obwohl du da bist“ beschreibt, wie es ist, wenn man sich in einer Fernbeziehung wiedersieht. Sie singt „Irgendwie vermiss‘ ich dich – obwohl du da bist“. Trotz der körperlichen Nähe fühlt sie sich emotional distanziert. In „Wohnung gucken“ geht es darum, in der Dunkelheit fremde Wohnungen durch die Fenster anzuschauen. „Laufen“ ist mein persönlicher Favorit. Mit einem fröhlichen Pfeifen beginnt der Song. Dann setzt ein leichter flockiger Beat ein. Augenzwinkernd besingt Ina das Älterwerden. Textkostprobe: „Früher haben wir durchgemacht, heute machen wir Pilates“ oder „Ich hab‘ irgendwann geplant, mal ‘nen Marathon zu laufen, heute bin ich kurz davor mir ‘nen Treppenlift zu kaufen“ aber für Nordic Walking fühlt sie sich wiederum noch nicht alt genug.

„Rauchen“ ist eine Liebeserklärung an den Glimmstengel. Grundaussage: Wer raucht, hat es einfacher soziale Kontakte zu knüpfen. Egal wie man zum Rauchen steht – jeder kennt es wohl: Raucher bekommen zu Gleichgesinnten sehr schnell Kontakt und haben ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. „Ich halt die Luft an“ beschäftigt sich mit der aktuellen Krise. Und wer will nicht, wie Ina Müller in der jetzigen Zeit einfach nur die Luft anhalten, bis alles wieder stimmt. Aber das Lied ist musikalisch sehr zuversichtlich, fast fröhlich mit einem tollen Refrain und Chorgesang. „Eichhörnchentag“ erinnert bei den ersten Takten an „I Need a Dollar“ von Aloe Blacc. Es geht um die zunehmende Vergesslichkeit, mit der sie im Alltag zu kämpfen hat. Begleitet von souligen Pianoakkorden sucht Ina verzweifelt nach ihren Schlüsseln, dem Auto, ihrer Brille oder einem ihrer vier Ladekabel.

Bei „Das erste halbe Mal“ wird es sehr persönlich. Bei dem Text schaltete sich bei mir ein Kopfkino ein. Mit Banjoklängen und leichtem Countrystile singt sie: „Er wäre fast verzweifelt am Hosenknopf von meiner neuen Jeans und im Radiorecorder lief ,Gimme, gimme, gimme, gimme, gimme‘ von den ,Teens‘“. Herrlich! Zum Ende des Albums besingt Ina in einer fantastischen Ballade ihre Wahlheimat Hamburg – nur begleitet von einem Piano. Ich selbst war noch nie in Hamburg. Wenn man aber bei diesem Song die Augen schließt ,kann man sich die Stadt sehr gut vorstellen.

Fazit: Ein tolles Album für alle ab 45! Wann bekommt man schon so sein Leben vorgesungen. Aber: Man sollte sich Zeit und Ruhe für die zwölf Songs nehmen – vielleicht bei einer schönen Tasse Kaffee oder Tee und einfach mal zuhören. Ich verspreche Ihnen, der ein oder andere Song wird Sie auch nach dem Hören nicht loslassen.

Schönes Reinhören

wünscht Ihnen

wie immer

Ihr Jörg Honsel

Jörg Honsel empfiehlt, sich Ina Müllers neuen Silberling in aller Ruhe anzuhören, bei einer Tasse Kaffee oder Tee.