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Unterhaltung

Plädoyer für mehr Gelassenheit

Der aktuelle Buch-Tipp im StadtKurier.

Freitag, 19. April 2019 - 12:00 Uhr

von Anja Frembgen

Bibliothekar Bernhard Bier rezensiert in seinem aktuellen Buchtipp Matthias Drobinskis „Lob des Fatalismus“.

Foto: SYSTEM

Matthias Drobinski (Jahrgang 1964), Historiker, Germanist, katholischer Theologe und Journalist, plädiert mit seinem kleinformatigen Buch „Lob des Fatalismus“ nicht für Mutlosigkeit und Resignation vor der Beschaffenheit der Welt und des Lebens, sondern für mehr Gelassenheit in Anbetracht der Tatsache, dass unser Leben letztendlich weder planbar noch berechenbar ist.

Da wir unser Schicksal nie ganz in der Hand und fest im Griff haben, sollten wir das Unvorhersehbare und Unabänderliche hinnehmen und Fatalismus als Überlebensstrategie begreifen. Damit ist nicht gemeint, die Hände in den Schoß zu legen und alles ergeben zu erdulden, Missstände und Ungerechtigkeiten tatenlos zu dulden, sondern ein Gleichgewicht zwischen Schicksalsgestaltung und -ergebung zuzulassen. Es gilt also einerseits, sein Leben aktiv zu gestalten und Entscheidungen zu treffen sowie lenkend und regulierend einzugreifen, wo dies machbar ist. Andererseits gibt es Situationen und Fügungen, die wir nicht steuern oder unter Kontrolle haben und abwenden können, sondern notgedrungen akzeptieren müssen.

Dann ist es besser, so der Autor, sich dem Unausweichlichen zu beugen, dem Unvorhersehbaren und nicht Einschätzbaren gelassen entgegenzusehen als gegen das nicht beeinflussbare Schicksal aufzubegehren, denn „eine gute Portion Fatalismus im Leben löst das Problem nicht. Man kann aber besser mit ihm leben“ (Vorwort, Seite 11). In sieben prägnanten Kapiteln fächert Matthias Drobinski verschiedene Aspekte des Fatalismus auf. So geht er zum Beispiel der Frage nach, warum der Fatalismus – nicht ganz zu Unrecht – einen schlechten Ruf hat. Dabei taucht er in die Geschichte, Religion und Philosophie ein, um zu erörtern, inwieweit der Mensch in seinen Entscheidungen frei ist und wo die Vorsehung Grenzen setzt.


Mit positivem Denken ist nicht alles erreichbar

Er zitiert die Haltung der Stoa, die Einstellung des Christentums oder die Gedanken von Augustinus und Martin Luther (Prädestinationslehre) sowie Äußerungen unter anderem von Spinoza und Nietzsche zu diesem Problem. Glücks- und Selbstoptimierungswahn sowie Weltverbesserungspathos nimmt der Autor kritisch in den Blick. Er gesteht zwar zu, dass es menschengemäß ist, nach Glück zu streben oder an seiner individuellen wie der Verbesserung der Welt zu arbeiten, lehnt aber die „Positive Psychologie“ im Sinne von Martin Seligman oder Dale Carnegie ab. Der Mensch kann nicht uneingeschränkt „seines Glückes Schmied“ sein und mit der Kraft des positiven Denkens ist nicht alles erreichbar, wie die Urheber dieser Denkrichtung suggerieren. Matthias Drobinski warnt vor dem grenzenlosen Streben nach Vervollkommnung durch ungehemmte Forcierung von Effizienz, Funktionstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit.


„Leben ist immer lebensgefährlich“

Perfektion entspricht nicht dem Menschsein, denn den Menschen machen gerade seine Fehler, Defizite und Macken, Unzulänglichkeiten und Eigentümlichkeiten aus. Auch dem Verlangen nach absoluter Sicherheit und Kontrolle erteilt der Autor eine Absage, denn das ist nicht zu haben ohne Einschränkungen und Unfreiheiten. Auch hier sollten wir einen zuversichtlichen Fatalismus an den Tag legen, denn um es mit Erich Kästner zu sagen: „Leben ist immer lebensgefährlich!“ Folglich sind wir nie hundertprozentig vor Terroranschlägen und Gewaltattacken oder vor Unwägbarkeiten und Brüchen des Lebens sicher.

Abschließend geht der Theologe auf das religiös motivierte Gottvertrauen ein, das seine Hoffnung auf eine höhere Instanz setzt und sich der Gnade Gottes anheimgibt.

Matthias Drobinski ist sich der Zwiespältigkeit seines Themas bewusst und will keine verbindliche Meinung und keine Patentrezepte geben, „denn dieses Büchlein ist im Wortsinn ein Essay, die Präsentation eines Abwägens, Suchens und Versuchens“ (Vorwort, Seite 11). Doch der mit zahlreichen Beispielen und Fallgeschichten angereicherte Text liest sich gut und vermittelt viele interessante Gedanken, die der Reflexion wert sind.

Viel Spaß

beim Lesen

wünscht Ihnen

Bernhard Bier

Bibliothekar der

Stadtbibliothek

Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr sowie samstags, 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.