Unterhaltung

Von starken Frauen

Unsere Expertin hat „Im Menschen muss alles herrlich sein“ gelesen

Mittwoch, 25. Mai 2022 - 10:35 Uhr

von Adriane Kotzott

Im Buchtipp empfiehlt Adriane Kotzott den aktuellen Roman von Sasha Marianna Salzmann.

Sasha Marianna Salzmann gelinge es durch ihre Erzählweise, gleichzeitig Distanz und emotionale Nähe zu den Figuren aufzubauen, schreibt Adriane Kotzott.

In „Im Menschen muss alles herrlich sein“ sind die Lebensgeschichten vier starker Frauen aus der Sowjetunion eng miteinander verwoben und doch verschieden. Alle erlitten Verluste und befinden sich auf der Suche nach ihren Identitäten. Auf Lenas 50. Geburtstag werden sich alle wiedertreffen. Es soll eine ausgelassene Feier werden. Auch ihre alte Freundin Tatjana und deren Tochter Nina sind da. Doch dann kommt alles anders: Lenas Tochter, Edi, wurde auf offener Straße zusammengeschlagen. Wie konnten sich die vier Frauen in dieser Situation wiederfinden? Um das zu verstehen, geht die Geschichte zurück in die späte Sowjetzeit. Ins Gorlowka der 70er Jahre – die heutige Ukraine.

Lena ist noch jung, als sie merkt, dass es nicht ausreicht, eine Musterschülerin und ehrgeizig zu sein. Man muss die richtigen Leute kennen und sie bezahlen, um Zugang zu Ferienspielen, Arztbehandlungen und guten Universitäten zu erhalten. Es beginnt eine chronologische Erzählung der Tristesse der späten Sowjetzeit. Und eine Erzählung starker Frauen. Lena möchte Medizin studieren und ihre kranke Mutter möchte ihr diesen Wunsch um jeden Preis erfüllen. Doch ohne die finanziellen Mittel gelingt ihr das nur schwer. Ein Umstand, der Lena schon früh Bauchschmerzen bereitet. „Sie kannte mittlerweile die Bedeutung des Wortes Bestechung, aber sie hatte so etwas noch nie gemacht, […] irgendetwas daran war falsch“ (Salzmann).

Als Lena ihr Medizinstudium beendet hat, zerfällt die Sowjetunion immer mehr. Sie hat mittlerweile selbst eine Tochter und die Chance, mit ihrem jüdischen Mann nach Deutschland zu emigrieren. Lena ist der Alltags-Korruption und dem Anpassungsdruck überdrüssig geworden. Sie will nicht ständig in der Angst leben müssen, nicht genügend Bargeld auftreiben zu können, um eine Arztbehandlung zu erhalten. In Deutschland erhofft sie sich ein besseres Leben.

Auch Tatjana folgt ihrem Mann nach Deutschland. Der wollte eigentlich ein „Businessman“ werden und wurde doch zum Kleinkriminellen. Lena hilft Tatjana dabei, in Deutschland anzukommen. Und so erhält der Leser mit Tatjana und ihrer Tochter Nina zwei weitere Lebensrealitäten, die im Zwiespalt starker Frauenfiguren und großer Verluste stehen.

Salzmann spiegelt in den Figuren das Porträt der damaligen Sowjetunion. In den Biografien der Mütter und Töchter spiegelt sich eine zerklüftete Identitätssuche zwischen den Generationen. Die Gegensätze der Lebenswelten der Töchter und ihrer Mütter werden von der Autorin auf poetische Art und Weise dargestellt. Die Erzählweise schafft es, gleichzeitig Distanz und emotionale Nähe zu den Figuren aufzubauen und unterstreicht damit die Widersprüche der gesellschaftlichen Umstände, in denen sich die Protagonistinnen befinden. Die männlichen Figuren hingegen bleiben unscharf und eindimensional, was durchaus auch als feministisches Plädoyer gelesen werden kann.

Sasha Marianna Salzmann wuchs in Moskau auf und wanderte 1995 als jüdischer Flüchtling nach Deutschland aus. Sie ist Dramatikerin, Kuratorin, Autorin und Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin.

Viel Spaß beim

Lesen wünscht Ihnen

Adriane Kotzott

Bibliothekarin der

Stadtbibliothek Bocholt

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Von starken Frauen
Bibliothekarin Adriane Kotzott

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