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Unterhaltung

Zartbittertod

„mein Buchtipp“ im StadtKurier

Freitag, 31. August 2018 - 13:33 Uhr

von Alexandra Knop

Bewegend, geheimnisvoll, abgründig: Bibliothekarin Anja Frembgen über einen spannenden neuen Jugend-Thriller von Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann.

Foto: Christiane Schulz

Das Buchtipp-Team von der Stadtbibliothek Bochholt: (von links) Ludger Schmneink, Anja Frembgen, Bernhard Bier und Melanie Tenhumberg

Ein Traum aus Schokolade, das ist das kleine Chocolaterie-Geschäft von Mias Eltern in Meißen. Mia ist mit Zartbitter, Marzipan und Nougat aufgewachsen – mit den wunderbarsten Rezepten, aber auch mit einem rätselhaften alten Familienfoto an der Wand des Landens. Das Foto zeigt ein lebensgroßes Nashorn aus Schokolade, und daneben stehen Mias Urgroßvater Jakob, der 1913 noch ein Junge war, und sein Lehrherr Gottlob Herder.

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Gottlob ist weiß, Jakob schwarz. Mia ist zwar bekannt, dass ihr Vorfahre aus dem damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ nach Deutschland kam. Aber viel mehr konnten ihre Eltern dazu auch nie sagen. Nichts über das „Warum“ und „Wie“. Nichts über die Herkunft.

Als Mia für die Aufnahmeprüfung an einer Journalistenschule die Aufgabe bekommt, über ein Familienfoto ausführlich zu recherchieren, wählt sie natürlich das Schokoladen-Nashorn und damit die Vergangenheit und Herkunft ihrer Familie. Sie entschließt sich zu einer Reise, um die Nachkommen von Gottlob Herder zu befragen.

Wilhelm Herder, der Sohn von Gottlob, ist mit fast 100 Jahren tatsächlich noch am Leben und will ihr bereitwillig Auskunft über ihren eigenen Urgroßvater geben. Als Mia nur einen Tag später bei den Herders ankommt, ist Wilhelm Herder tot. Angeblich ist er in der vergangenen Nacht die Treppe herabgestürzt. Mia ist die letzte, mit der er gesprochen hat. Die Herders gestatten Mia nur widerwillig, auf ihrem Anwesen zu übernachten und blocken jede ihrer Fragen ab. Mia forscht weiter und wendet sich an einen Historiker, der Wilhelm Herder sehr nahestand und sich sehr für die Kolonialzeit interessiert.

Doch die Ereignisse wiederholen sich. Nach dem ersten Gespräch mit Mia stirbt auch Gerald Kühn in der folgenden Nacht. Beide wussten etwas über die Vergangenheit der Herders und Mias Vorfahren. Beide wollten Mia bei ihrer Recherche unterstützen und hätten dabei anscheinend etwas ans Licht gebracht, das jemand um jeden Preis geheim halten will. Beide mussten dieses Wissen mit dem Leben bezahlen.

Mia ahnt nur ansatzweise, welch großem Geheimnis sie auf der Spur ist, und befindet sich bald selbst in Lebensgefahr. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Sie muss alles geben, um die grausame Geschichte ihrer Vorfahren aufzudecken …

Elisabeth Herrmann ist es gelungen, einen absolut fesselnden Thriller für Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren zu schreiben, der ein dunkles, beinahe in Vergessenheit geratenes Kapitel der deutschen Geschichte behandelt. Das Buch ist spannend und aufregend, gleichzeitig bereitet es einem aber Gänsehaut, wenn nach und nach das finstere Schicksal so vieler Menschen aufgedeckt wird. Es ist eine bewegende Geschichte, die nicht nur unheimlich gut unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Über die eigene Herkunft. Über die Kolonialzeit. Über Menschenrechte. Und ein bisschen auch über Schokolade.

Der Roman endet mit einem berührenden Nachwort der Autorin. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Menschen in Afrika auch heute noch von uns ausgebeutet werden. Sie fordert uns Leser dazu auf, genauer hinzusehen und mehr Fragen zu stellen. Woher kommen unser Essen und die Rohstoffe dafür, woher kommt unsere Kleidung? Können Menschen davon leben oder werden sie wie Sklaven gehalten? Der Autorin gelingt es, mit diesem Roman ein dunkles Stück Geschichte mit einer spannenden und bewegenden Handlung zu verknüpfen.

Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Sie machte Abitur auf dem Frankfurter Abendgymnasium und arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Ro-man „Das Kindermädchen“ ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: Die Reihe um den Berliner Anwalt Vernau sehr erfolgreich mit Jan Josef Liefers vom ZDF. Elisabeth Herrmann erhielt den Radio-Bremen-Krimipreis und den Deutschen Krimipreis 2012. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

Viel Spaß beim Lesen

wünscht Ihnen

Anja Frembgen,

Bibliothekarin der

Stadtbibliothek Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr sowie samstags, 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.