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Unterhaltung

Zwei Päpste im Vatikan

„mein Buchtipp“ im StadtKurier

Freitag, 10. Januar 2020 - 12:18 Uhr

von Bernhard Bier

Bibliothekar Bernhard Bier stellt das Buch „Die zwei Päpste vor“.

© SYSTEM

Im Dezember 2019 startete beim Streaming-Anbieter Netflix der Spielfilm „Die zwei Päpste“ des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles. Es geht um die sensationelle Situation, dass im Vatikan zwei Päpste – fast Tür an Tür – leben:

Der zurückgetretene Benedikt XVI., gespielt von Anthony Hopkins, und der amtierende Papst Franziskus, der von Jonathan Pryce dargestellt wird. Das Drehbuch schrieb der neuseeländische Autor Anthony McCarten, der auch das gleichnamige Buch verfasst hat.

Anekdoten und subjektive Einschätzungen

Dass Anthony McCarten kein Historiker oder Theologe ist, sondern Theaterstücke, Romane und Drehbücher schreibt, merkt man beim Lesen recht bald. Sein Buch stützt sich zwar auf zahlreiche Quellen und umfangreiche Literatur- und Internetrecherchen, ist aber stilistisch als ‚erzählendes Sachbuch‘ mit hohem Unterhaltungswert angelegt, angereichert mit Anekdoten, Spekulationen und subjektiven Einschätzungen des Autors.

Ausgehend von der Papstwahl 2005, bei der aus Joseph Aloisius Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, und dem durch den Rücktritt von Benedikt XVI. notwendig gewordenen Konklave von 2013, bei dem der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde und den Namen Franziskus annahm, porträtiert Anthony McCarten die beiden in Charakter, Persönlichkeit und Amtsführung unterschiedlichen Männer.

Er geht zurück in die Kindheit und Jugend seiner Protagonisten, schildert ihre persönliche und religiöse Entwicklung und ihren Aufstieg bis ins höchste Kirchenamt. Man erkennt sehr schnell, dass seine Sympathie dem Argentinier gehört, der Deutsche weniger gut wegkommt.

Während Jorge Bergoglio als empathisch und bescheiden, charismatisch und lebenslustig charakterisiert wird und sein unkonventionelles Auftreten und Wirken als Papst die Anerkennung des Autors finden, wird Joseph Ratzinger als unsensibel und verkopft, humorlos und zu Luxus neigend dargestellt und vorrangig Schwächen und Mängel seines Pontifikats aufgelistet.

Ja, Anthony McCarten versteigt sich zu der unhaltbaren Behauptung, dass Joseph Ratzinger, „soweit wir wissen, noch nie ein gefühlvolles Wort zu einer anderen Seele gesprochen“ (S. 12) habe. Nicht ausgespart werden die Erfahrungen mit Diktatur, die Joseph Ratzinger im Nationalsozialismus in Deutschland und Jorge Bergoglio während der argentinischen Militärjunta (1976–1983) erlitten haben. Die Frage nach möglicher Schuld und Verantwortung wird aufgeworfen und anhand der bekannten Tatsachen gewertet. Originell, doch gewagt und kaum verifizierbar dürfte die These sein, dass Benedikt XVI. zurückgetreten sei mit dem Ziel, seinen Platz für Bergoglio, der beim Konklave 2005 nach Ratzinger die meisten Stimmen erhalten hatte, freizumachen und dadurch eine Korrektur seiner Fehler im Papstamt und Reformen in der Kirche zu ermöglichen.

Biografische sowie historische Fakten

Diese Mutmaßung ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Ausgang einer Papstwahl nicht kalkulierbar und vorhersehbar ist (schon manch ein aussichtsreicher Kandidat fiel durch). Benedikt hätte also nicht sicher sein können, dass sein Plan aufgehen würde.

Trotz der erwähnten Kritikpunkte, einiger Vereinfachungen und Ungenauigkeiten (auch wenn Hitler gemalt hat, kann man ihn nicht als „ehemaligen Kunststudenten“ bezeichnen, wie auf Seite 148 zu lesen ist, seine zwei Bewerbungen 1907 und 1908 um einen Studienplatz wurden von der Wiener Akademie der Bildenden Künste abgelehnt) überwiegen die positiven Seiten des Buches.

Die biografischen und historischen Fakten sind anschaulich und zuweilen geradezu spannend aufbereitet, das Prozedere des Konklaves oder Fragen wie ‚Ist neben dem amtierenden auch der emeritierte Papst unfehlbar?‘, ‚Wer hat bei unstimmigen Auffassungen oder öffentlichen Verlautbarungen zu Kirche und Glauben recht?‘ werden sachkundig und interessant erzählt und vermögen – auch bei sonst wenig an kirchlichen Themen interessierten Menschen – Neugierde zu wecken.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Bernhard Bier, Bibliothekar der Stadtbibliothek Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, während der Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr sowie samstags, 10 bis 13 Uhr) ausgeliehen werden.