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Bocholt rüstet sich für Krisenfall

Wenn Russland den Gashahn zudreht:

Mittwoch, 20. Juli 2022 - 16:30 Uhr

von Christian Vosgröne

Möglicher Lieferstopp: Krisenstab ruft zum Energiesparen auf und legt Notfallplan vor

© Christian Vosgröne

Arbeiten an einem stadtweiten Notfallkonzept: Bürgermeister Thomas Kerkhoff, Feuerwehrchef Thomas Deckers, BEW-Geschäftsführer Jürgen Elmer und Fachbereichsleiterin Monika Tenbrock.

Die Stadt Bocholt bereitet sich gemeinsam mit der BEW und der Feuerwehr auf einen möglichen Gasnotstand vor. Der „Stab für außergewöhnliche Ereignisse“ (SAE) spielte jetzt entsprechende Szenarien durch. Bürgermeister Thomas Kerkhoff (CDU) betonte am Dienstag bei einer Pressekonferenz, dass derzeit „keine akute Versorgungsnotlage“ bestehe, sich eine Krise jedoch rasch entwickeln könne. „Wir hoffen natürlich, dass es nicht soweit kommt“, so Kerkhoff. Das Gebot der Stunde laute: Energie sparen.

Das passiert bei einem Lieferstopp

Sollte Russland den Gashahn zudrehen oder die Liefermenge erheblich drosseln, würde sich das in Bocholt zunächst auf die Industrie auswirken, erklärte der Bürgermeister. Der Chef der Bocholter Energie- und Wasserversorgung (BEW), Jürgen Elmer, sprach von 30 größeren Unternehmen, denen ein Gaslieferstopp drohe, sollte der Bund die Notfallstufe des Notfallplans Gas ausrufen. Die Liste mit den Namen dieser Firmen sei unter Verschluss, um Diskussionen zu verhindern – etwa über die einzelnen Listenplätze. „Die Reihenfolge ist vier Leuten bekannt. Und dabei wird es bleiben“, sagte Elmer. Bundeseinheitliche Kriterien für die Abschaltreihenfolge gebe es jedoch nicht, kritisierte der BEW-Chef – und verriet nur so viel: Das Freizeitbad Bahia gehöre zu den Ersten, die nicht mehr mit Gas beliefert würden.

Die von einem Lieferstopp bedrohten Industrieunternehmen seien über die Notfallpläne informiert worden, sagte der BEW-Chef. Sie hätten verständnisvoll reagiert und teilweise bereits von sich aus ihren Gasverbrauch gesenkt. Einige versuchten demnach, die Reduktion mit Ölkäufen auszugleichen.

Soziale Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser und die rund 22 000 privaten Haushalte, die mit Gas heizen, gelten als geschützte Kunden und sollen auch im Krisenfall so lange es geht beliefert werden. Die Füllstände in den Gasspeichern reichten dafür diesen Herbst und Winter noch aus, zeigte sich der Krisenstab zuversichtlich.

Gleichwohl müssen sich Verbraucher laut Jürgen Elmer auf weiter steigende Energiekosten einstellen. Kunden, die bisher 100 Euro im Monat für Gas ausgeben, zahlen künftig demnach „300 oder 400 Euro“. Bürgermeister Thomas Kerkhoff erklärte, wer heute knapp bei Kasse sei, werde die höheren Ausgaben für Energie, aber auch für Lebensmittel kaum mehr stemmen können. Jürgen Elmer forderte deswegen einen „staatlichen Schutzschirm“ für die Energieversorgung. Es bestehe die Gefahr, dass auch die BEW in Schieflage gerate, sollten die Mehrkosten durch die hohen Marktpreise nicht an die Kunden weitergereicht werden können. Statt wie üblich Millionenüberschüsse an die Stadt zu überweisen, bräuchte der Versorger dann finanzielle Hilfe von der Stadt.

Um einem möglichen Gasnotstand vorzubeugen, empfiehlt Jürgen Elmer, seinen eigenen Verbrauch schon jetzt zu überdenken: „Jeder Kubikmeter Gas, den wir im Sommer einsparen, kann helfen, die Speicher für den Winter zu füllen.“

Bürger-Anlaufstellen für Notfälle geplant

Die Stadtverwaltung will für akute Notfälle mehrere Anlaufstellen für Bürger schaffen. Dort soll es etwa bei größeren Stromausfällen Informationen und Hilfen geben. Geplant ist, die Räume mit Notstrom zu versorgen, damit dort etwa bei einem Ausfall der Telefone und Handynetze Notrufe abgesetzt werden können. Bei der Planung der Anlaufstellen will sich die Stadt Bocholt eng mit dem Kreis Borken austauschen.

Solche kommunalen Hilfsangebote ersetzen nach Angaben der Stadtverwaltung jedoch nicht den Selbstschutz. Jeder sollte beispielsweise ein batteriebetriebenes Kofferradio zu Hause haben, so Bürgermeister Thomas Kerkhoff. Auch Notvorräte an Lebensmitteln und Getränken für zehn Tage seien ratsam.

Monika Tenbrock, Leiterin des Fachbereichs Öffentliche Ordnung, empfiehlt, sich an die Handlungsempfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu halten. Diese gibt es unter www.bbk.bund.de.