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Der Lockdown und die Kinder

Interview mit Marita Voß vom Kinderschutzbund Bocholt

Freitag, 19. Februar 2021 - 10:58 Uhr

von Christiane Schulz

Ein Jahr Corona und das Durcheinander nimmt kein Ende. Nach dem Treffen der Ministerpräsidenten in der vergangenen Woche soll es ab März Lockerungen für einzelne Branchen geben. Für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien bleibt es weiter schwierig. Zwar soll es in den Bildungseinrichtungen ab Montag, 22. Februar, wieder losgehen – aber auch nur für Kitas und Grundschulen und nur im Wechselunterricht. Schulen geschlossen, kaum Freunde treffen und kein Sport im Verein. Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat ergeben, dass knapp ein Drittel der Kinder und Jugendlichen aufgrund der Corona-Regeln unter psychischen Problemen leidet. Dazu gehören auch psychosomatische Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, Kopf- und Bauchschmerzen. Außerdem seien Sorgen und Ängste der Kinder größer geworden, so die Studie. Der „mein StadtKurier“ hat mit Marita Voß vom Vorstand des Ortsverbands Bocholt des Kinderschutzbundes über die Situation des Nachwuchses in der Region gesprochen.

© obs/Studienkreis GmbH

Einsamkeit, Langeweile, Schwierigkeiten mit dem Homeschooling – das sind nur drei der Probleme, die Kinder und Jugendliche in der Pandemie plagen.

Acht Wochen Winter-Lockdown liegen hinter uns. Wie gestaltet sich die Situation der Kinder und Jugendlichen in Bocholt, Rhede und Isselburg aus Ihrer Sicht?

Marita Voß: Acht Wochen sind für Kinder und Jugendliche eine riesige Zeitspanne. Kinder und auch Eltern kommen an ihre Grenzen, es fehlen soziale Kontakte, den Kindern ist häufig langweilig, sie müssen ständig beschäftigt werden. Durch Homeschooling sind große Unterschiede zu erkennen. Rund 20 Prozent der Kinder bleiben dabei auf der Strecke, weil sie zu Hause nicht begleitet werden oder keine digitale Ausstattung vorhanden ist.

Was macht dem Nachwuchs in der Region am meisten zu schaffen?

Voß: Den Kindern fehlen soziale Kontakte, sie vermissen ihre Freunde und Spielkameraden.

In den Medien ist vermehrt von zunehmender häuslicher Gewalt aufgrund des Lockdowns die Rede. Ist das auch bei Familien in unserer Region ein Thema?

Voß: Das ist mit Sicherheit ein großes Thema, auch hier in unserer Region. Was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, ist zurzeit leider nicht zu erfassen. Leider ist der Kontakt zu Erziehern und Lehrern momentan kaum oder gar nicht gegeben. Dort werden sonst viele Fälle erkannt und aufgedeckt. In der Folge kann dann gehandelt werden.

Denken Sie, dass die weitere Öffnung der Kitas und die teilweise Rückkehr zum Präsenzunterricht die Lage hinreichend entspannt?

Voß: Entspannt wird die Lage nur teilweise, immerhin etwas. Aber nicht nur den Grundschulkindern bereitet das Homeschooling große Schwierigkeiten. Auch gerade Kinder der siebten und achten Klassen tun sich schwer und haben Versagensängste.

Wie ist aktuell die Frequenz der Hotline „Nummer gegen Kummer“? Mit welchen Schwierigkeiten wenden sich die Kinder an Sie?

Voß: Die Frequenz hat sehr stark zugenommen. Hauptthemen sind: Einsamkeit, Ängste, psychische Schwierigkeiten, Langeweile, häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Homeschooling, Cybermobbing.

Was wünschen Sie sich von der Politik auf Bundesebene?

Voß: Wir wünschen uns längerfristige Konzepte, einen Stufenplan, keine kurzfristigen Ansagen, kleinere Lerngruppen, eventuell den Einsatz von Lehramtsstudenten, um kurzfristige Engpässe zu überbrücken. Aber auch vorgezogene Impfungen für Lehrer und Erzieher und mehr Corona-Tests.

Und was müsste/könnte Ihrer Meinung nach auf lokaler Ebene geschehen, um Familien und Kinder zu unterstützen?

Voß: Wir brauchen genügend Desinfektionsspender in Kitas und Schulen. Es müssen endlich Laptops für Schüler und Lehrer sowie Raum-Luftfiltergeräte angeschafft werden. Darüber hinaus sollten kostenlose Schnelltests für Kitas, Schüler und Lehrer und Erzieher zur Verfügung gestellt werden.

Welche Tipps haben Sie für Eltern und Kinder, die mit dem erneut verlängerten Lockdown und seinen Herausforderungen nicht mehr zurechtkommen?

Voß: Ich rate zu Spaziergängen, Spielen an der frischen Luft, Sportangeboten im Freien, weiteren Sportangeboten eventuell in kleinen Gruppen. Und vor allem Geduld . . .

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Voß. -cs-