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Ein Pass für zwei?

Ausweisbilder sollen nach dem Willen des Bundesinnenministeriums künftig nur noch in den Behörden erstellt werden.

Dienstag, 14. Januar 2020 - 15:09 Uhr

von Christiane Schulz

Die Pläne des Bundesinnenministeriums zur Fälschungssicherung von Ausweispapieren, stoßen bei den Fotografen auf wenig Gegenliebe.

© Christiane Schulz

Für den Bocholter Fotografen Bernard Kornek ist das Passbildgeschäft ein wichtiger Teil seines Umsatzes. Er hat die hiesigen Bundestagsabgeordneten um Hilfe gebeten.

Berlin/Bocholt (cs). Das Bundesministerium des Inneren (BMI) will Ausweise fälschungssicherer machen. Hierfür hat es das „Gesetz zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen“ auf den Weg gebracht. Anlass für die Neuregelung ist das sogenannte Morphing – also die Möglichkeit, Fotos zweier Personen derartig miteinander zu „verschmelzen“, dass ein Ausweispapier für beide nutzbar ist. Derlei Fälschungen lassen sich derzeit nicht zweifelsfrei erkennen.

Es sei nötig, Pässe und Personalausweise fälschungssicher zu machen, damit deutsche Bürger auch in Zukunft visafrei in die meisten Staaten reisen könnten, so das Ministerium. Sollten Bundestag und Bundesrat den Entwurf des BMI billigen, könnte es sein, dass Passbilder demnächst nur noch in den Ämtern und nicht mehr beim Fotografen gemacht werden dürfen. Für die entsprechende technische Ausstattung der Ämter mit Fotoautomaten sollen laut Ministerium rund 177 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden.

Über die möglichen Konsequenzen des geplanten Gesetzes sprach der StadtKurier mit Fotografen sowie mit den Behörden vor Ort.

„Das ist ein ausgemachter Unsinn“, sagt Bernard Kornek, Inhaber des gleichnamigen Bocholter Fotofachgeschäftes zu den Plänen des Ministeriums. Da werde ohne Not in die Wirtschaft eingegriffen, so der Bocholter.

„Die Beantragung des Ausweises beziehungsweise des Passes wird deutlich bürgerfreundlicher, einfacher, komfortabler und auch kostengünstiger“, teilt indes Daniil Kushnerovich, Sprecher des Bundesministeriums des Inneren (BMI) auf Anfrage des StadtKuriers mit.Erforderlich sei die Neuregelung, so der Ministeriumssprecher weiter, weil mit Techniken wie dem Morphing Lichtbilder manipuliert werden könnten und damit die Funktion des Passes als Dokument zur Identitätskontrolle im Kern bedroht sei. Die bisherige Praxis, analoge Lichtbilder einzureichen, sei nicht mehr zukunftstauglich, so Kushnerovich.

Um das zu ändern, sollen 11 000 Fotoautomaten für die etwa 5500 Passämter in Deutschland angeschafft werden. 177 Millionen Euro hat das Ministerium hierfür veranschlagt.

Bernard Kornek hält die Pläne des BMI für gar nicht kundenfreundlich. Er wisse von Kunden, die Schwierigkeiten mit dem Fotoautomaten, beispielsweise im Bocholter Bürgerbüro hätten, so Kornek. Darüber hinaus seien die Mitarbeiter in den Behörden nicht entsprechend geschult. „Wissen die, wie man mit reflektierenden Brillengläsern oder Kleinkindern und Säuglingen umzugehen hat?“, fragt er.

Viele Arbeitslätze

in Gefahr

„Wir beobachten mit großer Sorge, wiederholt Fälle, bei denen der Staat in die wirtschaftlichen Tätigkeiten des Handwerks eingreift. Im Fall des Fotografenhandwerks ist es besonders gravierend, da es um die Gefährdung des ganzen Berufszweiges geht“, sagt Michael Hoffmann, Pressesprecher der Handwerkskammer Münster. Er gibt auch die wirtschaftlichen Folgen zu bedenken. „Die Maßnahmen würden zu Umsatzeinbußen beim Fotografenhandwerk führen. Für viele Fotostudios gehört die Passbilder-Fotografie zum tagtäglichen Geschäft“, so Hoffmann.

Das ist auch für Bernrad Kornek ein wichtiger Punkt. Denn die Passbilder sind ein Umsatzfaktor. „Für viele Fotografen wäre das existenzgefährdend. Das könnte den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen bedeuten. Ich selbst müsste zwei Mitarbeiter entlassen“, sagt Kornek. Das sei eine Job- und Unternehmensvernichtungsmaschinerie, resümiert er. Der Bocholter hat daher bereits die CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Röring (Wahlkreis Borken) und Sabine Weiss (Wahlkreis Wesel) angeschrieben und auf die Problematik hingewiesen.

Auch für Nicole Schluse, die in Rhede das gleichnamige Fotofachgeschäft führt, sind die Passbilder eine wichtige Einnahmequelle, die dann gegebenenfalls wegfallen würde. „Ich werde das jetzt erst mal abwarten und mich nicht verrückt machen“, so die Rhederin. Sie hofft aber auf den Einfluss der Handwerkskammern und Verbände, den Gesetzentwurf noch abwandeln zu können. „Man könnte die Passbildhändler doch zertifizieren und die Daten direkt zum Bürgerbüro transferieren“, so Nicole Schluse und weiß die Handwerkskammer auf gleicher Linie. Diese würde geeignete technische Alternativlösungen zur optimalen Fälschungssicherheit unter Einbindung des Fotografenhandwerks begrüßen, so Sprecher Michael Hoffmann.

Bislang drei Fälle von Bildfälschungen

Ein ganz ähnliches System nutzt Nicole Schluses Bocholter Kollege bereits: „Das funktioniert ganz prima. Wir übermitteln die Fotos seit vier Jahren über eine zertifizierte, gesicherte Verbindung zum Bürgerbüro Bocholt und der Stadt Isselburg“, berichtet Bernard Kornek. Damit könne man keinen Missbrauch treiben, betont der Fotofachhändler.

Die Bocholter Stadtverwaltung sieht derzeit keine Veranlassung, das bestehende System zu ändern. „Darüber denken wir nach, wenn es konkreter wird“, so Amke Derksen aus der Pressestelle.

Auf die Frage, wie viele Fälle der Manipulation bekannt sind, antwortet der Sprecher des Innenministeriums: „Deutschen Sicherheitsbehörden sind drei Fälle von gemorphten Lichtbildern in Reisedokumenten bekannt – davon einer in Zusammenhang mit einem deutschen Reisepass.“

Angesichts dessen muss Bernard Kornek erst einmal schlucken. „Die wollen also 177 Millionen Euro ausgeben, aufgrund von drei bekannten Fällen? Wenn die zu viel Geld haben – ich hätte da eine Idee“, so der Bocholter.

Am 28. Januar, gibt es eine Anhörung zum Gesetzentwurf. Man darf sicher sein, dass die hiesigen Fotografen diese ganz genau verfolgen.