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Gemeinsam gärtnern für alle

Essbare Stadt: Aktiver Klima- und Artenschutz und mehr

Freitag, 7. Mai 2021 - 14:52 Uhr

von Christiane Schulz

Auf dem Heimweg oder beim Spaziergang noch schnell etwas Salat oder ein paar Kräuter fürs Abendessen mitnehmen – und das ganz frisch vom Feld und sogar kostenlos? Was sich hier liest, wie eine Passage aus dem grimmschen Schlaraffenland ist Realität und nennt sich ganz nüchtern „Essbare Stadt“. Solche essbaren Städte gibt es auf Initiative des Naturschutzbundes (Nabu) mehrere im Kreis Borken. Und auch in Bocholt wächst das Projekt in jeder Hinsicht.

© Christiane Schulz

„Wir brauchen kein Gemüse aus China“, sagt Torsten Wollberg. Auch dieses Beet ist für die Öffentlichkeit nutzbar.

„Im Grunde geht es darum, auf öffentlichen Flächen Obst und Gemüse anzubauen, an dem sich jeder bedienen kann“, bringt Torsten Wollberg es auf den Punkt. Er ist beim Nabu im Kreis Ansprechpartner für die Essbare Stadt.

Dass es diesen Selbstbedienungsladen im Grünen auch in Bocholt gibt, ist dem Einsatz des 54-jährgen Bocholters zu verdanken. Sechs Jahre kämpfte er mit Unterstützung der Sozialen Liste für das Vorhaben, bis Stadtbaurat Daniel Zöhler 2017 sein „Go!“ gab.

Daraufhin entstand im Klostergarten am Seniorenheim „Guter Hirte“ das erste Projekt in Bocholt. „Ein Riesenerfolg“, sagt Wollberg, der heute zahlreiche Hobbygärtner an seiner Seite hat. Der Verein „Essbare Stadt Bocholt-Borken e.V.“ zählt 45 Mitglieder, 22 davon in Bocholt. Die Mitgliedschaft kostet 20 Euro pro Jahr. „Dafür kaufen wir Gartengeräte, aber auch alte Obst- und Gemüsesorten“, berichtet Torsten Wollberg.

Wildwuchsist gewollt

Einige Parzellen im Klostergarten haben Namensschilder, da solle man nichts pflücken, sagt er. An den namenlosen Beeten darf sich, wer mag, bedienen. „Natürlich nur die Blätter, nicht die ganze Pflanze“, betont Wollberg.

Ein wenig wild sieht es aus. Aber das ist gewollt: „Als es im vergangenen Jahr lange Trockenperioden gab, da war es bei uns immer noch grün, weil die Pflanzen sich gegenseitig Schatten spenden“, erläutert Naturschützer Wollberg. Angesichts dessen stört es die Naturfreunde nicht, wenn sich hin und wieder Passanten über den „unordentlichen Kleingarten“ mokieren. Rund 15 Beete sind auf rund 1000 Quadratmetern verteilt und sogar einen kleinen Gartenschuppen für die Geräte gibt es. Immer donnerstags zwischen 18.30 und 20.30 Uhr trifft man sich zum gemeinsamen Gärtnern – natürlich mit dem gebotenen Abstand. Dann sind auch Interessierte herzlich willkommen. Wichtig sei, die Bevölkerung mitzunehmen. „Es ist schließlich unsere Stadt, unser Grün“, betont Wollberg.

Neben dem ökologischen Aspekt habe die Essbare Stadt auch eine integrativen, so der Bocholter: „Hier arbeiten Jung und Alt zusammen, aber auch unterschiedliche Nationalitäten. Bei uns gärtnern eine türkische eine kurdische und eine syrische Familie.“

Neben dem Klostergarten, der nicht mehr erweitert werden könne, ohne umliegende wertvolle Natur zu zerstören, so Wollberg, entstehen derzeit weitere Anbauflächen in Bocholt: In Kooperation mit der Caritas das Projekt „Grün im Viertel“ im Park an der Klausenerstraße und auf der Rebenstraße soll demnächst aus mehreren Pflanzkästen geerntet werden können. Und es gebe noch viel mehr Potenzial für solche Projekt in der Stadt, ist Wollberg sicher.Mit der Unterstützung der Sponsoren, zu denen die Stadtsparkasse, die Volksbank Bocholt, Gartenbau Wansing aus Borken und der Bocholter „Tomatenkönig“ Heinz Niehaus gehören, sieht man sich gut aufgestellt.

„Schade ist, dass es immer noch Leute gibt, die sagen, man könne das Klima in Bocholt nicht retten. Da müsse man nach Brasilien gehen, um den Regenwald zu retten“, so Wollberg. Bocholt zeige tolle Ansätze aber für eine Klimakommune, die Bocholt ja sei, gehe es aus seiner Sicht noch zu häufig in die falsche Richtung.

Eichenspinner sind hier kein Thema

Für Torsten Wollberg ist ein Umdenken dringend erforderlich. „Corona hat uns gezeigt, dass wir nicht so weitermachen können mit unseren Eingriffen in die Natur“, sagt der Naturschützer. Neben der Versorgung mit regionalem Obst und Gemüse trägt die Essbare Stadt im Klostergarten auch zur Wiederherstellung eines natürlichen Gleichgewichts bei. „Wir haben hier trotz vieler Eichen keine Probleme mit dem Eichenprozessionsspinner, weil bei uns Meisen nisten, für deren Brut die Larven ein Festmahl sind. Genial oder?“, so Wollberg.

Die Essbaren Städte seien ein Anfang, etwas, an dem sich alle beteiligen könnten, so der 54-Jährige.

Wer auch eine Essbare Stadt in seiner Gemeinde umsetzen möchte, der kann auf die Unterstützung von Torsten Wollberg zählen. Aber auch alle, die im heimischen Garten etwas fürs Klima und für den Artenschutz tun möchten, berät Wollberg gern. Seine Telefonnummer lautet 0160/7765242.

© Christiane Schulz

Hier wächst Mangold in einem Beet, von dem sich jeder bedienen darf.