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Gesegnet und verflucht

Mit seinem neuen Album legt Nino de Angelo sein Schlager-Image ab.

Freitag, 16. April 2021 - 17:48 Uhr

von Jörg Honsel

Mit seinem neuen Album legt Nino de Angelo sein Schlager-Image ab.

© Jörg Backhaus

Nino de Angelo habe etliche Schicksalsschläge in seinem neuen Album verarbeitet, sagt unser Musikexperte Jörg Honsel,

Liebe Musikfreunde, heute möchte ich Ihnen das neue Album „Gesegnet und verflucht“ von Nino de Angelo vorstellen. Viele von Ihnen werden jetzt denken: Ach, nicht schon wieder Schlagermusik. Dem ist aber überhaupt nicht so. Ich würde die Musikrichtung der ganzen CD als „Dark Deutschrock“ bezeichnen.

Bereits die Vorabsingle, die dem Silberling auch den Namen gab, faszinierte mich mit Orchester, glockenhellem Chorgesang, überkernigem Rock bis hin zu Metall- Gitarren. Dazu der Text, der sehr persönlich klingt.

De Angelo hat seit seinem Durchbruch als 20-Jähriger mit „Jenseits von Eden“ im Jahr 1983 sowohl musikalisch als auch persönlich viele Höhen und Tiefen erlebt. Er überstand zwei Krebserkrankungen, hatte Spielschulden, war kokainsüchtig, meldete Privatinsolvenz an, ließ sich vier Mal scheiden, hatte eine Herz-OP und 2017 diagnostizierte man bei ihm die Lungenkrankheit COPD. Und das sieht man ihm auf dem Coverfoto wahrlich an: De Angelos Haare und Vollbart sind schlohweiß, die Stirn ist zerfurcht.

Sein ganzes Leben lässt er auf diesem Album mit eindrucksvollen Texten und seiner einzigartigen unverkennbaren und charismatischen Stimme Revue passieren. Der erste Titel „Sag es meinem Herzen bitte nicht“ klingt gegenüber manch anderem Song auf der CD melodiöser. Die rockigen Gitarren und die Synthiesounds passen perfekt zu dem Song. Beim Text der zweiten Singleauskopplung „Zeit heilt keine Wunden“ könnte man annehmen, dass die aktuelle Situation gemeint ist. Aber es geht wohl eher um persönliche Verluste, Hoffnungslosigkeit und, wie man damit klar kommt und weiterleben kann.

„Equilibrium“ beschreibt schonungslos, wie sich Nino de Angelo immer wieder mal in seinem Leben gefühlt hat und dann bei Whiskey und Kokain gelandet ist. Bei „Angel lost in Paradise“ wird er von Scarlet Dorn unterstützt, die als Frontsängerin der gleichnamigen Gruppe im „Dark Pop/Rock“ bereits große Erfolge feierte. Als die beiden dann in hohen Stimmlagen den Refrain gesungen haben, bekam ich Gänsehaut. Im Stück „Der Panther“ singt er in einem sehr tief gesungenen Duett mit Produzent Chris Harms, der auch Sänger und Gitarrist der Industrial-Rockband „Lord of the Lost“ ist.

Nach so viel Düsterheit ist „Colonia“ ein absoluter Guter-Laune-Song mit einem temporeichen Beat, der seine Gefühle zu seiner Heimatstadt beschreibt. „Denn wir wissen nicht, was wir tun“ wiederum sollten Sie in Ruhe auf sich wirken lassen. Da geht es um unsere Mutter Erde – eindringlich düster und mit einer perfekten Instrumentierung. Mehr möchte ich dazu nicht schreiben.

„Jenseits von Eden“ wurde unlängst in einem für mich unsäglichen neuen Mix von den Jungs von „Stereoact“ veröffentlicht. Hier wurde er als Schlusssong nochmals neu arrangiert, ist rockiger und stimmlich rauer als das Original, kommt aber für mich bei Weitem nicht daran heran.

Zwischendurch möchte ich eines anmerken: Mir fehlt das Auflegen total. Dann könnte ich sowohl den neuen Mix von „Stereoact“ als auch diese Version einmal testen. Und wer weiß? Vielleicht liege ich mit meiner persönlichen Einschätzung vollkommen daneben und diese Versionen würden vom Publikum angenommen und vielleicht sogar mehr gefeiert als das Original.

Zurück zum neuen Album: Wem die Musik von „Unheilig“ gefällt, der wird sicherlich einen schnellen Zugang zu den Songs finden. Diejenigen, die von der bisherigen Musik von Nino de Angelo begeistert waren, werden sich mit seiner neuen Stilrichtung vielleicht ein bisschen schwer tun. Es ist aber ein Dokument eines Aufbäumens und eines künstlerischen Neuanfangs eines (ehemaligen) Schlagersängers. Sie werden vom Sound, den persönlichen Texten, aber auch von der Stimme von De Angelo in all seinen Facetten – gerade auch die rauen und tiefen – überrascht und vielleicht sogar begeistert sein.

Schönes Reinhören

wünscht Ihnen wie immer

Ihr Jörg Honsel