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Importabhängigkeit steigt

Kreislandwirt Heinrich Emming im Gespräch

Freitag, 5. Februar 2021 - 13:56 Uhr

von Christiane Schulz

Proteste in Berlin und vor den Toren der Discounter: die deutschen Landwirte sind politischer denn je und machen die Öffentlichkeit auf sich und ihre Probleme aufmerksam. Eine Bestandsaufnahme.

© Sven Betz

Auch in Bocholt verschafften sich die Landwirte mit ihren Protesten Gehör.

Landwirtschaft ist Lebenswirtschaft. Ohne sie verlieren wir unsere Grundlagen und die ländlichen Regionen. Das verdient mehr Wertschätzung“, betont Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Wahre Worte. Doch wie sieht die Realität für die landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Borken aus? Wir sprachen mit Heinrich Emming (55) aus Südlohn, der seit 2002 Kreislandwirt ist und als solcher die Anliegen seiner Kollegen vertritt.

Herr Emming, die Landwirte protestieren vor den Zentralen der Discounter, in der vergangenen Woche sind erneut Traktoren zum Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin gerollt. Wie ist die allgemeine Stimmung bei Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Heinrich Emming: Die Stimmung ist derzeit absolut gedrückt, weil es gerade in der letzten Zeit zahlreiche Baustellen für uns Landwirte gibt. Früher konnte man eine Baustelle nach der anderen abarbeiten. Aber die Schlagzahl wird immer höher.

Wogegen konkret richtet sich die Kritik der Landwirte?

Emming: Im Moment beschäftigt uns besonders, dass der Agraranteil an den Lebensmittelkosten zu gering ist. Früher gaben die Verbraucher 30 bis 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, heute sind es unter zehn Prozent. Damit können wir leben. Aber wenn man auf der anderen Seite sieht, dass die Marge des Einzelhandels trotzdem gestiegen ist – gerade jetzt auch in der Coronakrise . . .

Das heißt, ihre Erlöse sind im Gegensatz gesunken?

Emming: Ja. Ich kann das am Beispiel festmachen. Der Preis für ein Kilogramm Schweinefleisch ist von circa 1,80 auf 1,19 Euro gesunken. Und im Laden ist es gleichzeitig nicht billiger, sondern eher teurer geworden. Einerseits kürzt man also unseren Ertrag und nimmt es andererseits vom Verbraucher.

Was sind aktuell neben den zu niedrigen Erzeugerpreisen die größten Probleme der Landwirtschaft?

Emming: Immer mehr Auflagen, Gesetze und Verordnungen machen uns das Leben schwer. Hinzukommt, dass die Halbwertzeit von politischen Entscheidungen immer kürzer wird. Beispielsweise die Düngeverordnung wurde 2017 und 2020 novelliert. Man kann mit dem Bürokratiewust und Änderungen auf Landes- und Bundesebene gar nicht mehr Schritt halten. Wir Landwirte haben keine Planungssicherheit. Wir denken in Generationen oder zumindest in Abschreibungszeiträumen. Investitionen, beispielsweise in Stallungen, schreiben wir über zehn Jahre ab. Die Politik agiert aber – provokant formuliert – nur noch in Legislaturperioden. Das passt irgendwo nicht mehr.

Fühlen sich die Landwirte von der Bevölkerung akzeptiert?

Emming: Ja und nein. Wenn man Umfragen Glauben schenken darf, ist der Beruf des Landwirtes nach wie vor sehr hoch angesehen. Es wird immer wieder von verschiedensten Gruppen versucht, uns die Verantwortung für gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu übertragen. Zum Beispiel CO2-Reduktion, Gewässerschutz und Insektenschutz. Wir arbeiten in Generationen und der Boden, das Wasser und die Luft sind unsere wichtigsten Produktionsfaktoren. Wir wollen auch Teil der Lösung sein.

Glaubt man Umfragen, sind die Verbraucher durchaus bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen, wenn die Landwirte und die Tiere davon profitieren. Warum passiert dennoch so wenig, um die Ertragssituation für die Erzeuger zu ändern?

Emming: Umfragen suggerieren Märkte, die es nicht immer gibt. Ich will niemanden anklagen, die Verbraucher entscheiden an der Ladentheke anders und kaufen kostenbewusst, was man keinem zum Vorwurf machen kann.

Zu hohe Auflagen machen vielen Landwirten das Leben schwer. Auf der anderen Seite profitieren gerade Agrarbetriebe mit riesigen Flächen von EU-Förderungen. Setzt die Politik nicht auch die falschen Anreize?

Emming: Auf diese Neiddiskussion möchte ich mich gar nicht einlassen. Ob nun groß oder klein, ob Tierhaltung oder Ackerbau, ob bio oder konventionell – alle haben ihre Berechtigung. Wir dürfen uns als Landwirte nicht gegeneinander ausspielen lassen. Gerade bei EU-Programmen werden heute kleinere Betriebe und Junglandwirte stärker gefördert. Früher hatten wir anstatt der Flächenprämien Tierprämien. Diese wurden aufgrund starker Kritik vor einigen Jahren abgeschafft. Heute haben wir Flächenprämien mit ökologischen Auflagen, die der Landwirt, ganz gleich ob großer oder kleiner Betrieb, erfüllen muss, um die Förderung zu erhalten. Früher sollten die Prämien ein Ausgleich für mehr Aufwand und höhere Standards sein. Heute decken die EU-Förderungen oft nicht mehr die Mehrkosten, die der Landwirt damit hat. Auch ökologische Leistungen müssen bezahlt werden.

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, die Versorgung der Bevölkerung im Land mit eigenen Mitteln sicherzustellen und sich nicht auf Importe zu verlassen. Ist die Versorgung mit Lebensmitteln angesichts eines wachsenden Kampfes um Flächen gesichert?

Emming: Mit der täglichen Abnahme der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Bundesrepublik, durch Bebauung und Versiegelung oder Extensivierung und Stilllegung steigt die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten jeden Tag. Aber auch Flächen für die Artenvielfalt gehen hierbei verloren. Aktuell zeigen die Impfstofflieferungen: Wo auf dem globalen Markt mehr bezahlt wird, geht die Ware hin. Wenn hier die Lebensmittelproduktion aus verschiedensten Gründen heruntergefahren werden muss, werden wir durch steigende Importe abhängiger vom Ausland. Und keiner weiß, unter welchen Standards – die hier in Deutschland mit am höchsten sind – die dann anderswo produziert werden. Ja, die Abhängigkeit steigt täglich.

Welche Alternativen haben landwirtschaftliche Betriebe, um ihre Existenz zu sichern? Stichworte wie Direktvermarktung, Hofläden, Ferien auf dem Bauernhof etc. fallen immer wieder. Wozu raten Sie ihren Kollegen?

Emming: Ganz deutlich: Der Markt der Einkommensdiversifizierung ist ein Nischenmarkt! In der Region im Kreis Borken haben wir mehr als 100 Direktvermarkter, die dieses Segment auch mit der Beratung der Landwirtschaftskammer NRW gut bedienen. Würden aber alle auf diesen Zug aufspringen, könnte keiner erfolgreich wirtschaften.

Ähnliches gilt für den Bio-Sektor. Dann kommt der Angebotsdruck und schon gehen die Preise runter und die Betriebe können nicht mehr erfolgreich wirtschaften. Ziel ist es, unsere hochwertigen Qualitätsprodukte made in germany im In- und Ausland bepreisen zu können.

Wir wollen nicht unbedingt am Fördertopf hängen. Es gibt die Diskussion bezüglich der Fleischsteuer. Ja, wenn der Verbraucher nicht dazu bereit ist, werden unsere Leistungen in irgendeiner Form bezahlt werden müssen. Aber das ist nur die zweitbeste Lösung. Die beste Lösung ist, wenn unsere guten Produkte im In- und Ausland ihren Preis erzielen können.

Drehen wir den Spieß mal um: Was wünschen sich Landwirte vom Verbraucher? Was kann der Verbraucher konkret dazu beitragen, dass nicht noch weitere Höfe sterben?

Emming: Ein Landwirt ernährt in Deutschland circa 140 Einwohner. Wie schaffen es 140 Verbraucher, das Einkommen eines zum Beispiel landwirtschaftlich geführten Familienbetriebes im Kreis Borken sicherzustellen? Eine interessante Frage.

Regionalität ist in aller Munde. Jeder Verbraucher kann durch sein Einkaufsverhalten entscheiden ob und wie Landwirtschaft in Deutschland betrieben wird. Am Beispiel Fleisch ist es einfach. Achten Sie beim Einkauf auf fünfmal D. Das heißt, in Deutschland geboren, gemästet, geschlachtet, zerlegt und verarbeitet. Damit wertschätzen Sie unsere Produkte und honorieren deren Qualität. Dann hat auch die Landwirtschaft in Deutschland eine Zukunft.

Herr Emming, vielen Dank für das Gespräch!

© LK NRW, Kreisstelle Borken

Kreislandwirt Heinrich Emming bewirtschaftet einen Familienbetrieb in Südlohn und weiß um die Probleme seines Berufsstandes.