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Buchtipp: Klara und die Sonne

Diesen Roman empfiehlt Bibliothekar Martin Wintermeier

Freitag, 7. Mai 2021 - 14:48 Uhr

von Martin Wintermeier

Martin Wintermeier widmet sich in dieser Folge der modernen und zeitgenössischen Belletristik.

© Blessing

Klara ist eine künstliche Freundin (kurz: KF) – ein Roboter, geschaffen, um Kinder auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten. Im Geschäft sitzend wartet Klara voller Hoffnung darauf, von einer Familie gekauft zu werden und studiert dabei das Verhalten der Menschen und die Umgebung, die sie durch das Schaufenster sieht.

Als sich ihr Wunsch erfüllt, zieht Klara zu der 14-jährigen Josie und ihrer Mutter mitten ins ländliche Amerika. Dort lernt sie Josies Leben mit all seinen unterschiedlichen Facetten kennen: Es gibt die viel arbeitende Mutter, die nur wenig Zeit für ihre Tochter hat, es gibt gesellschaftlich erwartete Treffen mit Gleichaltrigen, und es gibt den Nachbarsjungen Rick – scheinbar Josies einzig wahrer Freund, dessen niedere Stellung die Beziehung zu Josie jedoch schwierig zu gestalten scheint.

Über all diesem schwebt Josies Krankheit, die im Verlauf zunehmend schlimmer wird und deren Ursprünge lange im Verborgenen bleiben. Klaras Hoffnung ist die Sonne, denn sie lädt ihre Energiespeicher auf. Müsste sie also nicht auch Josie helfen können? Und so ist es nicht nur Klaras Aufgabe, sich hingebungsvoll um Josie zu kümmern, sondern sich gleichzeitig in einer ihr fremden Welt zurechtzufinden.

Mit seinem neuesten Buch ist dem Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro ein leises Meisterwerk gelungen und Klara ist eine einzigartig faszinierende Erzählerin, aus deren Perspektive wir die Geschichte erfahren.

Durch ihre Beobachtungen weiß Klara sehr viel, einiges bleibt ihr jedoch von Grund auf verschlossen: Sie kann zum Beispiel das Alter eines Menschen präzise bestimmen, bei Emotionen liegt sie jedoch nicht immer richtig. Dennoch ist Klara der Überzeugung, auch selbst fühlen zu können, da sie beispielsweise Angst davor hat, dass ihre neue Besitzerin sie nicht mag. So verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was menschlich ist und was nicht und es stellt sich die Frage: Was ist ein menschliches Herz? Lassen sich Emotionen nachbilden?

Durch die Wahl Klaras als Ich-Erzählerin spielt Kazuo Ishiguro ganz bewusst mit diesen Grenzen, denn beim Lesen entsteht sehr schnell der Eindruck einer überaus menschlichen Sprache und man vergisst, dass es sich um die Ausführungen einer Maschine handelt. Unterbrochen wird diese Perspektive immer wieder durch die algorithmischen Grenzen von Klaras Wahrnehmung, etwa dadurch, dass sie keinerlei Personalpronomen nutzt. Doch ist sie dadurch weniger menschlich? Und was macht menschlich sein überhaupt aus? Das regt zum Nachdenken an, denn es gibt keine bösen Maschinen, keine durchweg liebevollen Menschen – nur diese Fragen, die wir alle für uns selbst beantworten können.

Es gibt nur wenige Romane, bei denen man schon vor dem Lesen weiß, dass sie einen berühren werden – und noch viel weniger, die es dann tatsächlich auch tun. „Klara und die Sonne“ ist so ein Roman, den ich nur empfehlen kann.

Kazuo Ishiguro – geboren 1954 in Nagasaki – ist ein preisgekrönter Autor, dessen Werke bisher in 50 Sprachen übersetzt wurden. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur.

Viel Spaß beim Lesen

wünscht Ihnen

Martin Wintermeier,

Bibliothekar der

Stadtbibliothek Bocholt

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Buchtipp: Klara und die Sonne
Bibliothekar Martin Wintermeier

© Christian Vosgroene

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