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Morgen kann kommen

Was Bibliothekarin Melanie Tenhumberg heute empfiehlt

Donnerstag, 15. September 2022 - 15:39 Uhr

von Melanie Tenhumberg

Gefühlvoll erzählt der Roman die Geschichte von Frauen, die aus dem Schatten treten.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die beiden Schwestern Gloria und Ruth. Ursprünglich aus dem Sauerland stammend und mit einem vom Krieg traumatisierten Vater aufgewachsen, haben sich beide seit 15 Jahre nicht mehr gesehen. Ein schrecklicher Vorfall auf Ruths Hochzeit hat die beiden entzweit und nun stehen Misstrauen und Kränkungen einer Annäherung im Weg.

Als Ruth per Zufall ein zerrissenes Foto in einem Drogeriemarkt findet, dass ihren Ehemann in einer kompromittierenden Situation zeigt, bricht für sie eine Welt zusammen und setzt gleichzeitig den Impuls für einen Neustart frei. Sie flieht mit ihrer Dogge Dagmar nach Hamburg in die alte Villa ihrer Großeltern, in der ihre Schwester in einer Pension menschlichen Paradiesvögeln und Gestrandeten aller Art ein Zuhause auf Zeit anbietet.

Ruths Ehemann Karl, ein narzisstischer Schauspieler, der für die Entfremdung und das Elend der Schwestern verantwortlich ist, kann Ruths Befreiung und längst überfällige Emanzipation nicht aufhalten. Als sich seine heimliche Geliebte per Zufall in der bunten Hamburger Wohngemeinschaft einmietet und sich zwischen ihr und Ruth eine Freundschaft anbahnt, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

In schneller Abfolge gehen in der Geschichte Lebensentwürfe, etliche Illusionen und eine Nase zu Bruch und Ruth muss sich folgende Fragen stellen: loslassen oder festhalten? Wer bin ich, wenn ich niemandem mehr gefallen will, und wo will ich hin, wenn ich mir von niemandem mehr sagen lasse, wo es langgeht?

Der Autorin Ildikó von Kürthy gelingt mit „Morgen kann kommen“ ein mitreißender und bewegender Frauenroman, der viel Gefühl transportiert und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Obwohl der Schreibstil durchaus beschwingt ist, überwiegt die ernste Seite aufgrund des dramatischen Ereignisses in der Vergangenheit der Geschwister und deren gegenwärtiger Probleme.

Wunderbar überzeichnet und kapriziös nimmt Glorias Freund Erdal Küppers, ein alter Bekannter aus vorherigen Büchern der Autorin, der Geschichte die Schwere und sorgt durch ironische Pointen für Heiterkeit und Zuversicht. Wieder einmal hadert er mit seinem Körper, probiert einen Online-Fitnesskurs und unterzieht sich einer Fastenkur. Seine Cousine Fatma bringt durch ihr Temperament ebenfalls frischen Wind in die Handlung und gemeinsam schließen sie den Architekten und Lebenskünstler Rudi in ihr Herz, der sich gemeinsam mit seinem Hirntumor „Hannibal“ mit großer Tapferkeit und Gelassenheit auf sein Ende vorbereitet.

Ein lebenskluger Roman, der ernste Themen um Alltag und Beziehung aufgreift, mit viel Herz und Humor, ohne seicht oder schnulzig zu werden.

Ildikó von Kürthy ist Rheinländerin, Mutter von zwei Söhnen, Journalistin und Kolumnistin bei der Zeitschrift „Brigitte“. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern in Hamburg, und besonders an Karneval hat sie schlimme Sehnsucht nach ihrer alten Heimat. Ildikó von Kürthys Romane wurden mehr als sechs Millionen Mal gekauft und in 21 Sprachen übersetzt.

Viel Spaß beim

Lesen wünscht

Ihnen Melanie

Tenhumberg

Bibliothekarin

der

Stadtbibliothek Bocholt

Fotostrecke

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Morgen kann kommen
Bibliothekarin Melanie Tenhumberg

© Christian Vosgroene

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