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Seltsam nahe Situationen

Für den Buchtipp hat Adriane Kotzott Steffen Kopetzkys „Monschau“ gelesen

Freitag, 2. Juli 2021 - 12:04 Uhr

von Adriane Kotzott

Warnende Wissenschaftler, strauchelnde Politiker und fordernde Wirtschaftsvertreter: Was nach aktuellen Ereignissen klingt, erzählt in Wahrheit aus dem Jahr 1962 – als die Pocken das letzte Mal massiv im Land kursierten.

Es ist kurz vor Weihnachten im Jahr 1961, als ein deutscher Ingenieur von seiner Geschäftsreise aus Indien in seine Heimat in der Eifel zurückkehrt. Im Schlepptau hat er das Variola-Virus, das sich dank fehlender Quarantänemaßnahmen fröhlich im Ort Monschau verbreiten kann. Als der Ingenieur Anfang Januar Symptome zeigt und seine neunjährige Tochter mit hohem Fieber ins Krankenhaus eingewiesen wird, wird Monschau zum Pockengebiet.

An dieser Stelle treten der Dermatologe Günter Stüttgen und der Assistenzarzt Nikolaos (Nikos) Spyridakis ins Zentrum der Handlung. Stüttgen fand bereits in Steffen Kopetzkys vorherigem Roman „Propaganda“ als Truppenarzt der Allseelenschlacht im Hürtgenwald Beachtung, als er gemäß der Genfer Konvention auch US-Soldaten versorgte und dafür zum Tode verurteilt wurde. In Monschau erfährt man nun, wie es für den Arzt ausgegangen ist.

Stüttgen und sein Assistent werden zum zentralen Faktor, wenn es um die Zukunft der Rither-Werke geht. Sie behalten das Infektionsgeschehen im Auge und verhängen für Hunderte Personen eine Quarantäne. Das Unternehmen, das weltweit mit Hochöfen handelt, gerät zunehmend in die Kritik. Hinzu kommt, dass die verwaiste Alleinerbin, Vera Rither, ihr Erbe an eine Stiftung abtreten möchte. Für den Geschäftsführer Richard Seuss ist das eine Katastrophe, so fürchtet er, seinen Einfluss in der Firma zu verlieren.

Nikos, der maßgeblich für die gesundheitliche Sicherheit in den Werken verantwortlich ist, zieht in die Werksvilla ein, wo auch Vera lebt. Die beiden entdecken nicht nur ihre gemeinsame Liebe für den Jazz, sondern verlieben sich auch ineinander. Der Ausbruch der Pocken und seine verheerenden Folgen werden im Laufe des Romans zunehmend mit den geschichtlichen Ereignissen und der Aufarbeitung der Kriegsgeschehen verwoben. So wird immer deutlicher, welche Rolle einige Wirtschaftsvertreter im NS-Regime spielten.

Steffen Kopetzky schafft es, diese Verflechtungen ganz selbstverständlich wirken zu lassen, während er durch Rückblenden und Wendepunkte Spannung entstehen lässt. Der Autor zeichnet mit seinem Roman nicht nur eine historische, auf Fakten basierte Abenteuergeschichte, sondern auf skurrile Weise auch unsere Gegenwart. So kommt einem das epidemische Vokabular vertraut vor und die Situation fühlt sich seltsam nah an, gleichwohl die zeitliche Trennung genügend Distanz wahrt. Indem der Autor stringent den Pockenausbruch und die Ereignisse der damaligen Zeit – Mauerbau, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder – ineinanderfließen lässt, treffen sich Vergangenheit und Gegenwart auf ergreifende Art und Weise. Dabei hält Kopetzky seinen Roman frei von aufbauschenden Erzähltechniken. Vielmehr holt er seine Leserinnen und Leser mit seinem gut recherchierten und poetischen Text ganz nah an das Geschehen heran und lässt Freiraum für eigene Gedanken. Ein berührender und auf gewisse Art tröstender Roman – es kann zu Ende gehen.

Steffen Kopetzky studierte Philosophie und Romanistik in München, Paris und Berlin und arbeitet als freier Schriftsteller. 2007 gründete er den Pfaffenhofener Kunstverein und ist seitdem erster Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins zur Förderung von Kunst und Literatur.

VViel Spaß

beim Lesen

wünscht Ihnen

Bibliothekarin

Adriane Kotzott

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