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Wenn die Welt auf den Abgrund zusteuert

„mein Buchtipp“ im StadtKurier

Freitag, 14. August 2020 - 10:32 Uhr

von Klaudia Kroesen

Klaudia Kroesen hat sich für ihren Buchtipp „Die Schule am Meer“ ausgesucht. Der Roman zeige auf „erschreckende Weise“, wie schnell sich nationalsozialistisches Gedankengut im Alltag durchsetzen konnte, schreibt sie.

© Christian Vosgroene

Sandra Lüpkes verbindet Historisches mit Fiktion und erzählt die außergewöhnliche Geschichte eines Internats, das zwischen 1925 und 1934 tatsächlich auf Juist aufgebaut worden ist, bis zur Machtergreifung Hitlers.

Juist 1925: Eine Gruppe von Lehrern unter der Leitung von Paul und Anni Reiner gründen auf Juist ein Schulinternat mit einem revolutionären pädagogischen Konzept: Sie wollen, dass die Kinder im Einklang mit der Natur lernen, gleichberechtigt miteinander umgehen und dabei viel Praktisches erfahren. Sie haben auf der Insel ein altes baufälliges Anwesen gekauft, das nun Stück für Stück renoviert und umgebaut werden soll. Anni kommt aus einem sehr gut situierten jüdischen Elternhaus und sie wird in den kommenden Jahren viel Geld in die Schule investieren.

Sie und ihr Mann Paul scharen eine ausgewählte Lehrerschaft um sich, die mit viel Enthusiasmus und Idealen dabei ist. Zum Lehrerkollegium gehört zum Beispiel Eduard Zuckmayer, der Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer. Eduard findet als Musiklehrer seine Bestimmung im Internat.

Doch natürlich sind die Schüler diejenigen, die der Schule Leben einhauchen. Maximilian, genannt Mücke, dessen Familie eine Zinnmine in Bolivien besitzt, kommt als kleiner schüchterner Junge nach Juist. Am Anfang seiner Schulzeit hat er schreckliches Heimweh, aber im Laufe der Zeit entwickelt er seine Stärken und sein Selbstbewusstsein. Juist wird sein Zuhause.

Von den Insulanern werden die Lehrer und Schüler und ihre Aktivitäten mit Argwohn verfolgt. Nicht jeder ist ihnen wohlgesonnen. Da gibt es Gustav Wenninger, der sich als Hüter der Insel aufspielt und sich als Spion und Spitzel in allen Dingen, die die Insel betreffen, betätigt. Als Hitler mehr und mehr Macht erlangt und der Nationalsozialismus und Antisemitismus auch die Insel erreichen, wird das Leben für Lehrer und Schüler, die zum Teil von jüdischen Familien abstammen, immer schwieriger. Was hält das Schicksal für die Bewohner des Internats bereit? Wie geht es weiter auf Juist?

Mich hat diese auf Tatsachen basierende Geschichte mitgenommen auf eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise, die auf erschreckende Weise deutlich macht, wie schnell sich nationalsozialistisches Gedankengut im Alltag durchsetzen konnte.

Sandra Lüpkes lebte 23 Jahre auf Juist. Sie ist eine bekannte Buchautorin und mit dem Autor Jürgen Kehrer verheiratet. Die Idee für den Roman „Die Schule am Meer“ bekam sie, nachdem sie durch eine Schautafel auf Juist auf das Inselinternat aufmerksam gemacht wurde. Viele bekannte Persönlichkeiten besuchten als Lehrer oder Schüler dieses unkonventionelle Internat. Nachdem sie mit Karin Reiner, der Tochter einer der Hauptfiguren, Kontakt aufgenommen hatte und alte Briefe aus dieser Zeit gelesen hatte, war die Idee für diesen Roman geboren.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Klaudia Kroesen, Bibliothekarin der Stadtbibliothek Bocholt

Alle im StadtKurier vorgestellten Bücher können in der Stadtbibliothek Bocholt, Hindenburgstraße 5, ausgeliehen werden. Es gelten die gewohnten Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags von 14 bis 19 Uhr, mittwochs und freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr.